Social Media gilt für viele als oberflächlich und laut – Glaube und Spiritualität ist dagegen etwas, das in die Tiefe geht. Euer neues Online-Training Glaube im Feed will genau diese beiden Welten zusammenbringen. Warum braucht es so ein Format und was möchtet ihr vermitteln?
Anna: Glaube ist immer da, wo Menschen sind. Meine Spiritualität trage ich immer mit mir. Ich kann eine tiefe, bewusste Atemübung machen, aber ich atme auch, wenn ich nicht darüber nachdenke. So ist das auch mit dem Glauben. Es spielt immer dort eine Rolle, wo Menschen sind. Genau darum ist einer unserer wichtigen Leitsätze in den evangelischen Kirchen: Hin zu den Menschen! Und Menschen sind eben auf Social Media. Max: Viele von uns Haupt- und Ehrenamtlichen stehen unter hohem Druck: weniger Ressourcen, immer mehr Aufgaben – und gleichzeitig müssen wir gerade jetzt besser mit jungen Menschen kommunizieren, um unsere gesellschaftliche Relevanz zu zeigen. Das Problem ist: Jede:r innerhalb der ELKB macht aktuell sein eigenes Ding. Es gibt keine abgestimmte Social-Media-Strategie. So können wir aber nicht gegen Player mit großen Mediabudgets bestehen. Genau hier setzen wir mit „Glaube im Feed“ an. Wir zeigen den Teilnehmenden, wie wir als Kirche auf Social Media kommunizieren sollten. Wer diese Plattformen versteht, tritt mutig und authentisch auf und erreicht junge Menschen dort, wo sie sind. Denn wenn wir das nicht tun, dann erzählen andere ihre Geschichte.
Anna, du sprichst auf Instagram offen über Glauben, Alltag und Kirche. Was bedeutet für dich Verkündigung im Netz – und wie verändert sich dadurch das, was „Kirche sein“ heißt?
Anna: Am Anfang dachte ich, Verkündigung im Netz bedeutet vor allem, meine Inhalte zu senden. Aber schnell wurde mir klar, dass online genauso Gemeinschaft, Seelsorge und echte Beziehungen entstehen. Menschen bewegen sich heute selbstverständlich zwischen analogen und digitalen Räumen – und begegnen dort auch Kirche.
Es ist im Community Management erstaunlich vieles ähnlich wie in der Gemeindearbeit. Menschen suchen Austausch mit Gleichgesinnten, Spiritualität und eine Community, die zu ihnen passt. Online finden sie diese oft schneller, weil Gleichgesinnte nur einen Klick statt einer langen Autofahrt entfernt sind. „Kirche sein“ verändert sich dadurch nicht im Kern. Die Botschaft Jesu bleibt gleich – aber die Wege, wie sie Menschen erreicht, werden vielfältiger. Die Sorge, dass digitale Räume die Verbindlichkeit der kirchlichen Gemeinschaft schwächen, teile ich nicht. Damit beschäftigen wir uns in den Ortsgemeinden doch genauso. Wir brauchen dafür analog und digital gute Antworten.
Max, du begleitest viele kirchliche Teams bei ihrer Social Media-Kommunikation. Wo siehst du im Moment das größte Potenzial – und wo die häufigsten Missverständnisse, wenn Kirche auf Social Media aktiv wird?
Max: Das größte Potenzial sehe ich in einer gemeinsamen Strategie und einem gemeinsamen System. Die Motivation für Social-Media-Kommunikation ist überall da – aber vielen fehlen Zeit, ein konkreter Ansatz und die richtigen Informationen. Das häufigste Missverständnis ist: Viele denken, sie müssten alles alleine stemmen. Dadurch entsteht Überforderung. Wenn wir Wissen teilen und über Gemeinde- oder Dekanatsgrenzen hinweg zusammenarbeiten, gewinnen alle – und wir erreichen Menschen viel wirkungsvoller.
Bei Glaube im Feed geht es nicht nur um Tools und Posts, sondern auch um Haltung. Was heißt das konkret – und warum ist Haltung wichtiger als Reichweite?
Anna: Reichweite ist ein Gradmesser für Erfolg online – aber kein besonders guter. Entscheidender ist das Engagement: Wie viele Menschen liken, reposten, kommentieren oder schreiben mich sogar direkt an? In der Masse an Inhalten hinterlässt nur, was sich echt anfühlt, einen bleibenden Eindruck. Und genau das ist das Ziel von kirchlichen Accounts. Darum beginnt digitale Verkündigung für mich mit der Frage: Was kann ich authentisch anbieten? Wo habe ich genügend eigene Erfahrung und Lebensrealität, um glaubwürdig zu sein? Wenn das klar ist, helfen Tools und Methoden dabei, diese Inhalte so zu zeigen, dass sie die Menschen erreichen, für die sie gedacht sind. Viralität entsteht selten wegen guter Inhalte, sondern oft durch Empörung oder Häme – deshalb ist Reichweite nur in Maßen erstrebenswert.
Max: Kirche hat einen gesellschaftlichen und einen politischen Auftrag: demokratisch, diversitätsbewusst und inklusiv – ein Safespace für alle Menschen, in dem wir ihre Sorgen und Wünsche ernst nehmen und darauf eingehen. Eine kleine Reichweite über Social Media ist völlig in Ordnung, solange die Kommunikation glaubwürdig bleibt. Mit einer authentischen, positiven Grundhaltung wächst Reichweite von selbst. Wenn wir dagegen nur auf Zahlen schielen, verlieren wir genau das, was uns ausmacht – und damit auch unsere Glaubwürdigkeit.
Gerade wer öffentlich über Glauben spricht, erlebt auch Gegenwind. Wie gehst du mit Kritik oder Zweifeln um, Anna? Und was kann man daraus für digitale Verkündigung lernen?
Anna: Kritik und Zweifel sind herzlich willkommen – sie bringen uns weiter. Problematisch wird es erst, wenn Kommentare nicht meine Inhalte betreffen, sondern meine Person angreifen. Dann sprechen wir von Hass, und damit umzugehen, ist nicht leicht. Wichtig ist, sich schon vor der eigenen Social-Media-Arbeit eine Strategie zurechtzulegen: Wo bin ich verletzlich? Wann lösche oder sperre ich? Wie schütze ich mich rechtlich? Und an wen wende ich mich, wenn ich Unterstützung brauche? So ein Notfallplan muss stehen, bevor etwas passiert. Heftige Kritik oder Hass trifft Accounts mit durchschnittlicher Reichweite nicht täglich. Aber wenn es vorkommt, braucht es einen professionellen Umgang – und den muss man sich erarbeiten.
Wenn jemand sagt: „Ich bin eigentlich kein Social-Media-Typ“…Was würdest du der Person antworten, Max? Warum ist Glaube im Feed trotzdem genau das Richtige für diese Person?
Max: Es geht hier nicht um dich als „Social-Media-Typ“, sondern um die Modernisierung kirchlichen Lebens – angepasst an die Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wenn wir das nicht tun, verlieren wir immer mehr Menschen, was zu noch mehr Kürzungen für kirchliche Einrichtungen führt. Und vor allem: Es geht um die wichtigste Aufgabe der Kirche – Gemeinschaftsbildung. Social Media ist nur das Werkzeug dafür. Du musst kein „Social-Media-Typ“ sein, aber du solltest Menschen erreichen wollen. Und genau dabei hilft dir „Glaube im Feed“.
Die Online-Fortbildung „Glaube im Feed“
Zeitraum: 27. Januar 2026 bis 23. Juni 2026
Umfang: 7 Module + Praxisprojekt
Format: Online (Zoom) Workshops in der Gruppe + Selbstlernkurse
Für wen? Haupt- und Ehrenamtliche, die Glaube auf Social Media sichtbar machen wollen – Einsteiger:innen und Erfahrene.
Leitung: Pfarrerin Anna Bamberger & Max Wagner (Wirkstatt evangelisch)

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