Erkundung eines Gefühls

Erkundung eines Gefühls

Erkundung eines Gefühls

Junge Frau sitzt nachdenklich am Wasser, blickt auf die ruhige Oberfläche.

Einsamkeit in unserer Zeit 

Lesezeit: 9 Minuten
Ausgabe 3/26 Einsamkeit

Stephanie Hecke, 1990 geboren, ist evangelische Theologin und Diakoniewissenschaftlerin. Als Referentin für theologische Grundsatzfragen ist sie im Präsidialbüro der Diakonie Deutschland tätig.

Einsamkeit ist das Gefühl unserer Zeit. Doch was ist Einsamkeit? Ist einsam, wer allein ist? Warum fühlen sich heute so viele Menschen einsam? Macht Einsamkeit krank? Sind Jugendliche wirklich besonders betroffen – und welche Rolle spielen dabei soziale Medien? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Einsamkeit und Armut? Und schließlich: Welche Auswirkungen hat Einsamkeit auf die Demokratie?

Einsamkeit hat viele Gesichter – so unterschiedlich wie wir Menschen selbst. Einige grundlegende Gedanken zu diesem vielschichtigen Phänomen werden im Folgenden skizziert.

Ein Blick in die Statistik

Ein Blick in aktuelle Statistiken zeigt: In Deutschland fühlt sich etwa jede neunte Person einsam. Ein deutlicher Anstieg der Einsamkeitswerte in allen Altersgruppen wurde durch die Corona-Pandemie ausgelöst. Im Einsamkeitsbarometer1 zeigt sich dies besonders deutlich in einem Peak im Jahr 2020. 

Darüber hinaus lassen sich zwei weitere interessante Entwicklungen beobachten:
Erstens sind junge Menschen die am stärksten betroffene Personengruppe. Erstmals haben sie die traditionell besonders gefährdet geltende Risikogruppe der hochaltrigen Menschen (ab 75 Jahren) überholt. Weitere Jugendstudien bestätigen und differenzieren dieses Ergebnis. Bei (Klein-)Kindern besteht hingegen weiterhin ein erhebliches Dunkelfeld, ebenso bei sehr hochaltrigen oder demenziell erkrankten Menschen – hier fehlen bislang geeignete Instrumente der statistischen Erfassung.
Auffällig ist zudem: Die Einsamkeitswerte junger Menschen sind nach dem Ende der Pandemie nicht wieder auf das ursprüngliche Niveau gesunken, sondern bleiben erhöht. In aktuellen Jugendstudien2 gibt etwa jede und jeder fünfte Jugendliche an, sich häufig sehr einsam zu fühlen.

Zweitens zeigen die Daten des Einsamkeitsbarometers, dass weiblich gelesene Personen höhere Einsamkeitswerte aufweisen als männlich gelesene Personen. Dieses Muster findet sich in vielen Studien. Es wirft jedoch weiterführende Fragen auf: Gibt es tatsächlich geschlechtsspezifische Unterschiede im Erleben von Einsamkeit? Inwiefern spiegeln sich hier gesellschaftliche Erwartungen und Rollenzuschreibungen wider? Denkbar ist, dass Einsamkeit bei männlich gelesenen Personen seltener benannt wird und die tatsächliche Betroffenheit höher liegt, als es die Zahlen vermuten lassen.  

Was ist Einsamkeit?

Wie die Luft zum Atmen, so braucht jeder Mensch Beziehungen zum Leben. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Schutz und Versorgung durch eine Gruppe wie in früheren Zeiten, sondern vor allem um das Erleben von Verbundenheit und Zugehörigkeit. In der Begegnung mit anderen Menschen lernen wir, wer wir sind. Wir wachsen an Beziehungen und finden durch sie unseren Platz in der Welt. Sich in Beziehungen zu erleben, ist zentral für die Entwicklung von Identität und Selbstbewusstsein. 

Wer jedoch einen Mangel an Beziehungen oder an Beziehungsqualität erlebt, wird einsam. Insofern gehört Einsamkeit zum Menschsein dazu. Sie ist Grundbestandteil des menschlichen Seins, so wie auch Trauer, Freude oder Glück. Kein Mensch verfügt zu jedem Zeitpunkt seines Lebens über genau die Beziehungen und die Beziehungsqualität, die er sich wünscht.
Entscheidend ist jedoch die Intensität und Dauer einer Einsamkeitserfahrung. Wird Einsamkeit chronisch, kann sie zu einer ernsthaften Belastung für Körper und Seele werden.

Einsamkeit lässt sich als der subjektiv wahrgenommene negative Unterschied zwischen den von uns gewünschten Beziehungen und unseren tatsächlich vorhandenen Beziehungen definieren.3 Das bezieht sich sowohl auf die Anzahl, die Quantität der Kontakte, als auch auf die Qualität der Kontakte. Deshalb sind Menschen in einem scheinbar dichten sozialen Umfeld wie in Beziehungen, in Partnerschaften, Ehen, Familien oder Freundschaften nicht vor Einsamkeit geschützt. Gerade in engen Beziehungen kann sie aufgrund der Diskrepanzerfahrung von gewünschter und empfundener emotionaler Nähe und Verbundenheit sogar besonders stark und schmerzhaft erlebt werden.
Einsamkeit kann somit auch mitten in Gemeinschaft entstehen: in der Schulklasse, am Abendbrottisch mit der Familie, mit einer Assistenz, im Team, bei der Arbeit. Sie ist ein subjektives Gefühl – und wird von jedem Menschen anders erlebt.  

Einsamkeit vs. Alleinsein

Einsamkeit ist etwas anderes als allein zu sein. Während das Alleinsein einen Zustand beschreibt, den wir zumindest zeitweise bewusst wählen und durchaus genießen können, ist Einsamkeit ein Gefühl, das einen Menschen überkommt. Alleinsein kann man wählen – einsam wird man. Gleichzeitig gibt es Überschneidungen zwischen dem Alleinsein und der Einsamkeit. Dort, wo Menschen unfreiwillig allein sind oder über einen längeren Zeitraum hinweg bleiben, etwa durch eine Erkrankung, eingeschränkte Mobilität oder fehlende Teilhabemöglichkeiten, kann aus Alleinsein Einsamkeit entstehen.



Während Einsamkeit meist mit belastenden, negativen Gefühlen einhergeht, kann Alleinsein als wohltuend erlebt werden.

Auch unser Sprachgebrauch spiegelt diese Unterscheidung: Während das Alleinsein gelegentlich sogar als etwas Erstrebenswertes konnotiert ist, erscheint die Einsamkeit überwiegend negativ – außer dem „einsamen Traumstrand“ gibt es wenige Einsamkeits-Perspektiven, die paradiesische Zustände verheißen. 

Macht Einsamkeit krank?

Einsamkeit ist keine Krankheit, aber sie kann krank machen. In medizinischen bildgebenden Verfahren ist Einsamkeit sichtbar – im Gehirn werden ähnliche Areale aktiviert wie bei körperlichem Schmerz, man spricht daher vom „sozialen Schmerz“.
Mit anhaltender Einsamkeit gehen häufig Stressreaktionen einher, etwa Schlafstörungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einsamkeit ist daher nicht nur belastend, unangenehm und schmerzhaft, sondern sie kann sich sogar negativ auf die Lebenserwartung auswirken. Entscheidend ist auch hier die Dauer und Intensität: Vorübergehende Einsamkeit gehört zum Leben. Problematisch wird es, wenn sie chronisch wird und Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg vereinsamen.  

Wer ist besonders betroffen?

Einsamkeit hat unendlich viele Facetten. Sie zieht sich durch alle gesellschaftlichen Milieus, durch alle Lebensphasen und Generationen, durch alle Kulturkreise. Einsamkeit kann uns in jedem Alter treffen, sie lässt sich bei Singles und in Familien nieder und kehrt bei Reichen wie bei Armen ein. Gerade weil Einsamkeit zur menschlichen Existenz gehört, ist es wichtig, potenzielle Einsamkeitserfahrungen grundsätzlich mitzudenken – in allen Lebensphasen. 
Gleichzeitig lassen sich besonders anfällige Lebensphasen und Lebenskontexte identifizieren, in denen das Risiko für Einsamkeitserfahrungen erhöht ist. Zu diesen gehören:

Einsamkeit im Lebenslauf

Anhand des biographischen Lebenslaufs von Menschen stechen besonders zwei Lebensphasen hervor, in denen die Wahrscheinlichkeit, einsam zu werden, besonders hoch ist: die Jugend und das hohe Alter.  Die Jugend – etwa zwischen 16 und 23 Jahren – ist eine Phase intensiver Veränderungen. Fragen der Identität, Zukunftsunsicherheiten, neue Formen der Beziehungsgestaltung und der Einfluss sozialer Medien prägen diese Zeit. All dies kann Einsamkeit begünstigen.
Eine zweite vulnerable Lebensphase für intensivere Einsamkeitserfahrungen ist das höhere Alter, insbesondere ab etwa 75 Jahren. Eingeschränkte Mobilität, der Verlust naher Bezugspersonen und reduzierte soziale Teilhabe können hier zu Einsamkeit beitragen.  Entscheidend ist jedoch: Keine Lebensphase führt zwangsläufig zu Einsamkeit. Es kommt darauf an, wie sie gestaltet wird und welche sozialen Ressourcen zur Verfügung stehen.

Einsamkeit in Lebenskontexten

Neben den beiden Einsamkeits-Risikolebensphasen der Jugend und des hohen Alters sind es vor allem Lebensumstände, die zu einem höheren Einsamkeitsrisiko führen.
Ein besonders wichtiger Faktor ist Armut, vor allem in Kombination mit Risiko-Lebensphasen wie bei jungen Menschen und im höheren Alter. Das Einsamkeitsrisiko der Armut beruht nicht eindimensional auf dem monetären Faktor, sondern wirkt sich gerade dann aus, wenn aufgrund von Armut Teilhabemöglichkeiten eingeschränkt sind und soziale Beziehungen negativ beeinflusst werden bzw. schwieriger entstehen. 

Ein Beispiel: Ein Kind wird zu einem Kindergeburtstag eingeladen, doch die Familie kann sich kein Geschenk leisten. Aus Scham entscheidet sich das Kind möglicherweise, gar nicht erst hinzugehen, um nicht als einziges Kind mit leeren Händen anzukommen. Solche Situationen zeigen, wie eng finanzielle Möglichkeiten und soziale Teilhabe miteinander verknüpft sind. 

Weitere Risikokontexte für höhere Einsamkeitsbelastungen sind Care-Arbeit, Fluchterfahrungen, Umbruchssituationen wie ein Umzug, der Übergang in den Ruhestand oder persönliche Krisen wie Trennung, Krankheit oder Arbeitslosigkeit, die mit einem Verlust an Tagesstruktur, sozialem Status und sozialer Eingebundenheit einhergehen. Auch chronische Erkrankungen oder Behinderungen stehen häufig in Wechselwirkung mit Einsamkeit.

Extrem einsam. Einsamkeit und Demokratie

Einsamkeit betrifft uns individuell, aber sie ist keine private Angelegenheit. Sie beeinflusst nicht nur unser individuelles Wohlbefinden und unsere Gesundheit, sondern hat auch gesellschaftliche Bedeutung. Einsamkeit beeinflusst, wie wir miteinander leben, wie wir Vertrauen aufbauen – oder verlieren.  

Wer sich einsam fühlt, erlebt sich oft auch als nicht zugehörig. 

Es entsteht das Gefühl, nicht Teil eines größeren Ganzen zu sein. Damit kann Einsamkeit auch politische Auswirkungen haben. 

Besondere Aufmerksamkeit gilt hier jungen Menschen. Das Berliner Progressive Zentrum hat Jugendliche im Alter von 16 bis 23 Jahren zu Einsamkeit und ihren politischen Einstellungen befragt. Zwei Hauptergebnisse sind: Einsame junge Menschen radikalisieren sich leichter als solche, die sich anderen verbunden und zugehörig fühlen. Und: Jugendliche, die sich selbst als einsam bezeichnen, neigen eher zu Verschwörungsmythen und unterstützen häufiger extreme politische Gruppierungen als nicht einsame Jugendliche.4 Solche Gruppen bieten scheinbar das, was fehlt: Zugehörigkeit, Anerkennung und eine klare Identität. 

Gerade in der Jugend, einer Phase intensiver Suche nach Orientierung und Gemeinschaft, kann diese Dynamik besonders wirksam sein. Gleichzeitig gilt: Der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und antidemokratischen Tendenzen ist komplex und nicht auf eine einzelne Lebensphase beschränkt. 

Was hilft gegen Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein vielschichtiges Phänomen mit weitreichenden Konsequenzen und unterschiedlichen Ursachen: gesellschaftliche Veränderungen, Auswirkungen von Individualisierung und Digitalisierung, Wirkweisen der sozialen Medien und KI, veränderte Beziehungsformen, Resonanzverlust und Polarisierung der Gesellschaft, Krisenerfahrungen und vieles mehr.  In allem Facettenreichtum ist das Gegenteil von Einsamkeit nicht Gemeinschaft, nicht einfach die Anwesenheit anderer Menschen. Entscheidend ist das Erleben von Zugehörigkeit und Verbundenheit, also einer qualifizierten Art der Gemeinschaft. 

Wie kann diese entstehen und gefördert werden?

In Anlehnung an das Kompetenznetz Einsamkeit5 sind drei Ansatzpunkte zentral: Erstens die Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe, zweitens tragfähige soziale Bindungen als Schutzfaktor gegen Einsamkeit und drittens eine gute, unterstützende Infrastruktur. Dazu gehören etwa inklusive Stadt- und Quartiersplanung, lebendige Nachbarschaften als Lebensräume, die soziale Beziehungen ermöglichen, und sozialraumorientierte Angebote, die unterschiedliche Bedarfe der Generationen vor Ort berücksichtigen.   
Letztlich bleibt die zentrale Frage, wie Verbundenheit und Zugehörigkeit entstehen, offen. Zwei Gedanken lassen sich hervorheben: Verbundenheit wächst dort, wo Menschen Werte teilen und gemeinsame Ziele verfolgen. Einsamkeit ist wie eine Spurensuche. Sie zeigt sich oft leise, zwischen den Zeilen. Sie begegnet uns so oft, wie wir bereit sind, sie wahrzunehmen – wenn wir unseren Mitmenschen genau zuhören. 

Häufig finden Menschen erst dann den Mut, über ihre Einsamkeit zu sprechen, wenn ihnen dafür ein Raum ohne Scham eröffnet wird. Einen solchen Raum zu schaffen, beginnt oft damit, selbst von eigenen Erfahrungen zu erzählen – und damit eine Brücke für das Erzählen eigener Einsamkeitserfahrungen anzubieten. 

Literatur

1  Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, Einsamkeitsbarometer 2024. Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland, https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/service/publikationen/einsamkeitsbarometer-2024-237576.

2 Vgl. Luhmann, Maike u.a., Einsamkeit unter Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen nach der Pandemie, https://www.land.nrw/einsamkeit.

3 Vgl. Perlman, Daniel/Peplau, Letitia Anne (1981), „Toward a social psychology of loneliness”, in: Gilmour, Robin/Duck, Steve (Hg.), Personal relationships: 3. Relationship in disorder, Academic Press, 31-56. 

4 Das Progressive Zentrum e.V., Extrem einsam? Die demokratische Relevanz von Einsamkeitserfahrungen unter Jugendlichen in Deutschland, 62, https://www.progressives-zentrum.org/publication/extrem-einsam/.

5 https://kompetenznetz-einsamkeit.de.

Du hast Interesse am Thema „Einsamkeit“?
Du findest weitere Artikel dazu in der Ausgabe 3/26 Einsamkeit

Share On

Rückmeldungen

Schreibe einen Kommentar