Kirche anders denken
Hella Thorn

Kirche anders denken

Kirche anders denken


Lesezeit: 9 Minuten

Ausgabe 4/25 Kirche

Hella Thorn ist Theologin und Kommunikationsreferentin, war viele Jahre lang Online-Redakteurin im Fresh X-Netzwerk und engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde – mit klarer Fresh X-Haltung. 

Die Fresh X-Bewegung in Deutschland

as haben ein Gottesdienst, in dem Kinder umherwuseln und eine Schaukel von der Empore baumelt, eine leergeräumte Kirche, die mit Sofas, Bierbänken und einer Zapfanlage ausgestattet ist, ein Ladenlokal in der Fußgängerzone, in dem man sich  am Sonntagabend zur Wochenreflexion und zum Tagebuch schreiben trifft, und ein Coffeebike an einem kleinstädtischen Spielplatz gemeinsam? 

Sie alle sind Ausdrucksformen von frischer, neuer Kirche. Sie alle sind der Versuch, das Experimentierfeld Kirche neu zu gestalten, einem Kontext anzupassen und sie vor allem dort stattfinden zu lassen, wo die Menschen sind: In Cafés und Kneipen, in der Fußgängerzone, auf Spielplätzen, … 

Sie alle sind Fresh X!

Das Manifest: mission-shaped church

Die Fresh X-Bewegung entstand vor rund zwanzig Jahren in England. Nach einer Synode der anglikanischen Kirche erschien 2004 ein Bericht, der die (kirchliche) Welt veränderte: „mission-shaped church: church planting and fresh expressions of church in a changing context“. Eine Gruppe von Kirchenleuten analysierte in dem Bericht nicht nur die sich wandelnde Gesellschaft, sondern auch die Kirche, die scheinbar diesen Veränderungen nicht Schritt halten kann. Während die Welt sich drehte, stand die Kirche still. Das zumindest der Eindruck von außen. Doch der Bericht zeigte, dass es da noch mehr gab: Andere Formen von Kirche. Frische Ausdrucksformen von Kirche. Glaube in verschiedenen Kontexten. Gemeinschaft auf Augenhöhe und nicht von der Kanzel herab. 

Die Erkenntnis, dass Kirche mehr ist als ein Sonntagsmorgen-Gottesdienst. Und die Überzeugung, dass Kirche raus gehen muss, dorthin, wo die Menschen sind. Von einer sammelnden Kirche zu einer sendenden Kirche. Die „fresh expression of church“-Bewegung nahm ihren Lauf. 

Foto: KircheKunterbunt

2011 gab es in Filderstadt einen Kongress – Gemeinde 2.0. – der die Ideen des mission-shaped church-Berichts für den deutschen Kontext adaptierte. Als erste waren einige Landeskirchen in Süddeutschland mit dieser neuen Bewegung in Kontakt gekommen und davon begeistert sowie die Landeskirche Hannovers und das Bistum Hildesheim. Damit manifestierte sich sogleich: Fresh X in Deutschland ist eine ökumenische Bewegung und schließt nicht nur evangelische und katholische Gläubige hinter sich, sondern lud auch Freikirchen und freikirchliche Bewegungen ein, Teil dieser neuen Gedankenwelt zu sein. 

Ein erster Runder Tisch evaluierte den Kongress und plante weitere Schritte, um die Fresh X-Bewegung in Deutschland bekannt zu machen. Es wurden Stellen geschaffen, Konzepte geschrieben und ein Kurs entwickelt, um möglichst viele Personen in kirchlichen Schlüsselstellen mit Fresh X bekannt und vertraut zu machen. 2013 veranstaltete die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers zusammen mit dem Bistum Hildesheim den Kirche2-Kongress, der schon ganz viel von dem beinhaltete, was später zu Fresh X-DNA gezählt wird. 

Missional, kontextuell, gemeinschaftsbildend und vielfältig

Es geht ums Staunen und ums Suchen. Darum, Gottes Wirken in der Welt zu entdecken und seinem Wirken nicht im Weg zu stehen. Sich im besten Fall sogar nützlich zu machen. Darum, zuzuhören. Nicht nur, was der eigene Wunsch, die eigene Idee ist, sondern was Gottes Idee für diesen Ort, mit diesen Menschen, mit mir sein könnte. Es geht um eine heilige Sehnsucht in uns Menschen. Um Aufbruch. Um das Wagnis, sich in unbekanntes Terrain vorzuwagen, Neues zu entdecken, unterwegs zu sein, einzutauchen in fremde Gewässer. Und es geht darum, nicht länger nur Einladende*r zu sein, sondern sich selbst einladen zu lassen. Nicht nur Gebende*r zu sein, sondern selbst (neu) zu empfangen. Mit anderen auf Augenhöhe nach Gott zu fragen, vielleicht sogar eine neue – gemeinsame – Sprache für das Göttliche und Spirituelle zu entwickeln. In Kontexten unterwegs zu sein, die einem nicht ganz so vertraut sind, in denen sich aber Menschen zu Hause fühlen, denen man offen und neugierig begegnen will. 

Fresh X will eine gemeinsame Lern- und Erlebnisreise sein und so Gemeinschaft stiften und möglicherweise auch Gemeinden bilden. Church planting. Mit Menschen, die bisher noch nicht in Kirche beheimatet sind. Und auch nicht von oben herab, vom Dekanat, der Führungsebene besprochen, entschieden, ge-plant und vorgegeben, sondern von unten, von der Graswurzel her, mit den Menschen, die es betrifft, die gemeinsam diese Kirche mit Leben füllen und Gott feiern wollen. Mit Menschen, die ihre eigene Art und Weise gefunden haben (oder suchen), wie sie Spiritualität leben und von Gott sprechen. 

Schon rund 30 Organisationen gehören zum Fresh X Netzwerk

Und weil Menschen und Kontexte so verschieden sind, sind auch diese neuen Kirchen, die neuen Ausdrucksformen von Glaube, Spiritualität und Gemeinschaft so vielfältig. Fresh X lässt sich dabei nicht einfach in eine Formel packen mit Kennzeichen und Wesenselementen, die eine Fresh X zu dem machen, was sie ist. Weder liturgische Elemente, noch Zeit und Ort sind bestimmend. Es ist die Haltung, die eine Fresh X zu einer fresh expression of church macht: missional, kontextuell, gemeinschaftsbildend und vielfältig. 

Von der Bewegung über den Verein zum Netzwerk

In den letzten zehn Jahren ist in der Fresh X-Bewegung in Deutschland viel passiert. Immer mehr Landeskirchen, Bistümer, christliche Werke und Freikirchen hörten davon und ließen sich begeistern. Ein Verein wurde gegründet, dessen Ziel es zunächst war, die Ideen der mission-shaped church in Deutschland bekannt zu machen. Es gab Runde Tische, Netzwerktreffen, Konferenzen und Kurse und Mitgliederversammlungen. 

Inzwischen gehören knapp 30 Organisationen zu dem deutschen Fresh X-Netzwerk. Darunter große Landeskirchen wie die Evangelische Kirche in Württemberg, die Evangelisch Lutherische Kirche Hannovers oder die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern. Aber auch Bistümer, wie das Erzbistum Speyer, das Erzbistum Hamburg oder die Diözese Graz-Seckau. Und Organisationen wie der CVJM Deutschland und die CVJM-Hochschule, die Diakonie Leipziger Land, der EC-Verband, die Berliner Stadtmission, der Bund der Baptisten oder ChurchConvention. Zudem sind viele Einzelpersonen oder kleinere Initiativen im Fresh X-Netzwerk vertreten und bereichern es durch ihre Perspektive, ihre Aufbrüche, ihre Erfahrungen und ihren Lernweg. Und es sind weitere Netzwerke entstanden. Zum Beispiel das Netzwerk der Kirche Kunterbunt. 

Im Park, im Café, im Unternehmen

Kirche Kunterbunt ist wohl die bekannteste Ausprägung von Fresh X in Deutschland. Inspiriert von der anglikanischen messy church, entwickelte man in Deutschland ein Konzept, das die Bedürfnisse und Wünsche von Familien im Blick hat und sie mit Kirche und Glauben verbindet. Kinder können sich während der Kirche Kunterbunt oder Ü-Kirche, wie sie mancherorts auch genannt wird, in Begleitung von Mama, Papa, Oma, Opa oder Paten an verschiedenen Stationen mit Aspekten einer biblischen Geschichte oder eines biblischen Themas ausprobieren und so den Glauben mit allen Sinnen erfahren: Es wird gebastelt, gemalt, gespielt, getobt, gesungen, gegessen, getrunken und Gottesdienst gefeiert.  

Immer größer wird auch das Netzwerk „Wilde Kirche“. Aktuell primär regional vertreten, kommen Menschen zusammen, die Gott in der Natur begegnen wollen: Gottesdienste am Lagerfeuer, Pilgern durch den Wald, eine Baumhauskirche oder ein „Raum“ aus Weidenzweigen, der Schöpfung (und dem Schöpfer) nahekommen durch die Arbeit im Gemeinschaftsgarten, jahreszeitlich passende spirituelle Angebote – alles, was Menschen mit dem Ursprung des Lebens, der Schöpfung, in Verbindung bringt, ist denkbar (und vermutlich noch viel mehr). Ob es regnet oder die Sonne scheint, egal.

Fresh X ist nicht DIE neue Kirche – das Netzwerk ist ergänzend gedacht

Und so entstehen überall kleinere und größere Angebote, versammeln sich Menschen, um sich gemeinsam auf die Suche zu begeben, wie Kirche denn aussehen könnte, dass sie auch die erreicht, die sie bisher nicht erreicht, dass sie ihrem Anspruch, eine Kirche für alle sein zu wollen, auch tatsächlich gerecht wird. Denn immer noch gibt es viele Menschen, die die Kirchen in Deutschland nicht oder nur sehr unzureichend im Blick haben: Junge Erwachsene, Singles, Familien mit besonderen Bedürfnissen, Migrant*innen, Menschen, die sich in den kirchlichen Strukturen mit einem klassischen Gottesdienst, Sonntagmorgen um 10:00 Uhr (inkl. Orgel, frommer Sprache und verfestigter Liturgie), nicht beheimaten können. 

Foto: Verein zur Förderung evangelischer Jugendarbeit e.V.

Wie wäre es stattdessen mit einer kurzen Andacht, einem kleinen Impuls am Spielfeldrand, auf einem Campingplatz, in einer ortsansässigen Firma, in der Bäckerei, der Apotheke oder im Frisörsalon, am Klettergerüst eines Spielplatzes oder am Beckenrand eines Freibades – eine Gemeinschaft, die sich abseits der gängigen Vorgänge dort bildet, auch das kann Kirche sein. Eine Couch oder Picknickdecke am Baggersee, am Fluss, im Park oder in der Fußgängerzone. Ein Ladenlokal, dem mit heimischen Künstler*innen neu Leben eingehaucht wird. Ein Coffeebike, das neben Kaffee auch Spielgeräte und einen Segen für die Spielplatzbesucher*innen bereithält. Eine Pop-up-Church, die am Gründonnerstag durch die Innenstadt zieht und Passant*innen die Füße wäscht. Ein Nagelstudio, eine alte Klosterbrauerei, ein Klamottenladen – all das kann neben den offensichtlichen Angeboten auch spirituelle enthalten. Netzwerke der Autobahnkirchen, der Caféhäuser, der unternehmerisch Kirche Denkenden, der „New Monastics“ (neuen Mönche) – sie alle sind Fresh X. Sie alle sind in ihren jeweiligen Kontexten und Sozialräumen unterwegs, suchen Menschen, mit denen sie gemeinsam neu Kirche denken und gestalten können. 

Wichtig dabei ist: Sie verstehen sich alle nicht als DIE neue Kirche. Sie sind ergänzend gedacht und strukturiert. Als eine Form für Menschen, die Kirche bisher nicht erreicht hat. Menschen, die sich nach Spiritualität sehnen und sie suchen, die aber nicht in Kirche beheimatet sind oder sich dort sogar unwohl, nicht willkommen oder gar abgelehnt gefühlt haben. Der Anspruch ist, Menschen mit Gottes guter Botschaft zu erreichen – und gemeinsam zu entdecken, was genau eigentlich diese gute Botschaft ist. Fresh X-Initiativen und -Angebote verändern und entwickeln sich dabei stetig weiter – weil die Menschen, die sie gestalten, sich stetig verändern.

Fresh X möchte Gott helfen, seine Vision in dieser Welt umzusetzen.

Genau deshalb ist auch das Fresh X-Netzwerk kein statisches Gebilde. War es bis vor kurzem noch das Ziel, Menschen mit der Idee und Haltung von Fresh X in Verbindung zu bringen, ist es heute das Anliegen, Menschen miteinander zu vernetzen, die innovativ in Sachen Kirchenentwicklung unterwegs sind – Menschen zu verbinden, die gemeinsam von anderen, von frischen Ausdrucksformen von Kirche träumen. Mit Ideen, der Vorstellung von entstehenden und etablierten Angeboten, mit Räumen für Austausch und Begegnung. Für all die Menschen, die auf der Suche nach Gott in dieser Welt sind und ihm dabei helfen wollen, seine Vision für den Kiez, den Sozialraum, den Ort, die Stadt, das Milieu umzusetzen.

Du hast Interesse am Thema „Kirche“?
Du findest weitere Artikel dazu in der Ausgabe 4/25 Kirche
.

Share On

Rückmeldungen

Schreibe einen Kommentar