„Glaub mir, ich hab’s erfahren, Du wirst mehr in den Wäldern finden als in Büchern; Bäume und Steine werden Dich lehren, was kein Lehrmeister Dir zu hören gibt.”

Mit diesen Worten beschreibt der Mystiker Bernhard von Clairvaux schon im 12. Jahrhundert das, worum es auch der christlichen Naturspiritualität heute noch geht: Rausgehen in die Schöpfung, in ihr unmittelbar Zugang zu Gott suchen und in der Begegnung tiefer gehen, als es über den intellektuellen Zugang oft möglich ist.

Mit einer lutherischen Prägung stolpern wir vielleicht erst einmal über den Satz von Bernhard. So gelesen klingt er fast schon ketzerisch oder esoterisch. Als könnten wir die Bücher – und damit auch die Bibel als „Buch der Bücher” – einfach zur Seite legen. Wenn wir auch in den Wald gehen können und dort sogar mehr über Gott erfahren, wozu braucht es dann die Bibel noch? Und ist Naturspiritualität überhaupt etwas Christliches, wenn sie die Frohe Botschaft von Jesus scheinbar durch die Erfahrung in der Natur ersetzt?

Die Schöpfung als zweites Buch

Um Bernhard zu verstehen — und mit ihm die christliche Naturspiritualität —, lohnt ein Blick auf sein Verhältnis zur Bibel. Als Zisterziensermönch hatte er eine sehr innige Beziehung zur Bibel. Sein ganzes Leben war von der Schrift geprägt, seine ganze Sprache ist voll von ihren Worten und Bildern. Und Luther selbst schreibt über ihn: „Ist jemals ein gottesfürchtiger und frommer Mönch gewesen, so war’s St. Bernhard, den ich allein viel höher halte als alle Mönche und Pfaffen auf dem ganzen Erdboden.”

Es kann Bernhard also nicht darum gegangen sein, die Bibel durch Erfahrungen in der Natur zu ersetzen. Genauso wenig, wie es die Naturspiritualität tun möchte. Vielmehr geht es darum, das in der Bibel Gelernte vom Kopf in den Körper zu bringen und mit eigenen Erfahrungen zu füllen. Dahinter steht die Idee, dass Gott sich nicht nur in der Schrift zeigt, sondern auch in dem, was er geschaffen hat.

Ein altes Bild dafür ist es, die ganze Schöpfung als eine Art zweites Buch zu verstehen, in dem sich – wie in der Bibel – Gottes Wesen offenbart. So heißt es schon in Psalm 19: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme.” Von dort zieht sich der Gedanke durch das Denken der christlichen Mystiker von den Wüstenvätern bis Franz von Assisi und Hildegard von Bingen.

Der Schöpfung als Subjekt begegnen

Christliche Naturspiritualität knüpft genau an diese Idee an. Sie versteht die ganze Schöpfung als Ausdruck des Schöpfers, in deren Spiegel wir ihn in der Tiefe unserer Seele erfahren können. Und weil wir selbst ein Teil der Schöpfung sind, ist dieser Zugang oft sehr niedrigschwellig.

Es geht in der Natur also nicht um ein intellektuelles Lernen und die Vermittlung von Glaubensinhalten. Für dieses Verstehen brauchen wir die Offenbarung der Schrift. In den „Wäldern” aber finden wir einen Raum, in dem wir uns unmittelbar berühren lassen können. Dort kann im Spüren tiefer als in allem Wissen die Wahrhaftigkeit und Gegenwart Gottes zur Gewissheit werden.

Wie auf allen Wegen zu Gott gilt auch hier: Gottes Gegenwart so zu spüren ist ein Geschenk. Wir können es nicht herstellen und nicht erzwingen. Aber wir können Räume öffnen, in denen Begegnung geschehen kann. Resonanzräume, in denen wir berührbar sind und in denen aufscheint, was über unser tägliches Beschäftigtsein hinausgeht.

Um solche Räume zu erleben, müssen wir uns ein Stück weit von der Zielstrebigkeit unseres Alltags lösen. Resonanz braucht eine Art von Ziellosigkeit, in der wir uns überraschen, anziehen und ansprechen lassen. Sie braucht den Blick auf die ganze Schöpfung als Subjekt, dem wir als echtem Gegenüber begegnen.

Jenseits allen Wissens über die Eigenschaften und die Nützlichkeit von Natur liegt in dieser echten Begegnung die Möglichkeit, durch staunendes Betrachten etwas über uns selbst und Gott zu erfahren und dadurch verändert zu werden. Eben gerade dann, wenn wir es nicht darauf anlegen.

Naturspiritualität praktisch ausprobieren

Eine einfache Art, in dieser absichtsvollen Absichtslosigkeit in der Natur unterwegs zu sein, bietet der „Schwellengang”. Dabei treten wir mit einer Intention über eine physische Schwelle, etwa eine Linie oder einen Ast am Boden. Wir betreten so einen Raum, in dem wir für eine gewisse Zeit anders unterwegs sein dürfen als im Alltag.

Vier Kinder im Wald, eines hält eine Karte, eines eine Kamera, eines eine Thermoskanne; Sonne scheint durch die Bäume.

Jenseits der Schwelle gibt es nichts zu tun oder zu erreichen. Es geht darum, uns treiben und ziehen zu lassen und neugierig den Impulsen zu folgen, die sich zeigen. Auf diese Weise wird im Staunen die ganze Schöpfung selbst zu unserem Lehrmeister. Und alles, was uns begegnet, kann etwas mit uns zu tun haben und etwas über Gott offenbaren. Am Ende kehren wir wieder über eine Schwelle zurück.

Das Schöne ist, dass wir keine besondere Landschaft brauchen, um in dieser Qualität unterwegs zu sein. Resonanzräume können sich im Gebirge genauso zeigen wie in einem Stadtwald oder im Park in der Nachbarschaft. Nicht das Wo ist entscheidend, sondern die Haltung, mit der wir rausgehen. Unterstützen kann es, für diese Zeit — 20 bis 30 Minuten reichen für den Anfang — allein zu bleiben, nichts zu essen und das Handy nicht zu benutzen, auch nicht für Fotos.

Die Wälder als Lehrmeister — als Bernhard das schrieb, wollte er einen gelehrten Freund dazu einladen, hinauszugehen und sich auf unmittelbare Erfahrungen in der Schöpfung einzulassen. Und vielleicht dürfen wir das auch heute noch als Einladung verstehen und einfach mal ausprobieren, was sich uns zeigt.


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