Mehr als Steine
Warum wir Zukunftsräume brauchen
Lesezeit: 5 Minuten
Ausgabe 1/26 Orte
Malte Scholz ist Master Student im Management von Sozial- und Gesundheitsbetrieben. In der Evangelischen Jugend Neustadt an der Aisch ist er gestartet und seit 2023 Vorsitzender der Evangelischen Jugend in Bayern.
Gebäudebedarfsplanung. Ein Wort, das bürokratisch, sperrig und emotionslos klingt. In den letzten Monaten ist es in unserer Landeskirche zum absoluten Buzzword geworden. Man hört es auf Synoden, in Dekanatsausschüssen und auf den Fluren des Landeskirchenamtes. Doch wenn man an der grauen Fassade dieses Begriffs kratzt, kommt eine Realität zum Vorschein, die uns alle – und besonders uns als Evangelische Jugend – beeinflussen wird.
Hinter dem Verwaltungsdeutsch verbirgt sich eine harte wirtschaftliche und inhaltliche Abwägung: Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern muss sparen. Bis 2035 sollen rund 50 Prozent der Gebäude, die aus Kirchensteuermitteln finanziert werden, aus der Förderung fallen. Das ist die nackte Zahl. Das ist die ökonomische Realität, der wir uns nicht verschließen können und wollen. Auch die Evangelische Jugend muss ihren Beitrag leisten. Aber wir müssen laut und deutlich fragen: Was geben wir da eigentlich auf? Wo und wie setzen wir Prioritäten? Und wer entscheidet darüber?
Wenn Räume verschwinden, gehen Möglichkeiten und Geschichten
Wir reden hier nicht nur über Quadratmeterzahlen, Energieeffizienklassen oder Instandhaltungsrücklagen. Wir reden über Heimat und Erlebnisse. Ein Jugendraum ist niemals nur ein Raum. Er ist der Ort, an dem bis tief in die Nacht über Gott und die Welt diskutiert wurde, an dem man sich sicher fühlte, wenn zu Hause die Decke auf den Kopf fiel. Es sind Räume, in denen junge Menschen eine Gemeinschaft erleben, die ihre Fragen ernst nimmt – ihre Angst vor der Zukunft, ihre Glaubensfragen und Zweifel, ihre Sehnsucht nach Sinn. Es sind Orte, an denen sie gemeinsam Glauben leben, ganz nach ihren Vorstellungen; wo sie in Konfirmandengruppen oder auf Freizeiten erfahren, dass der Glaube lebendig ist und ihr Leben berührt. Das ist christliche Gemeinschaft im besten Sinne: niedrigschwellig, nahbar, nicht institutionalisiert, sondern erlebbar.
Räume sind Speicher von Geschichten und Erlebnissen, von persönlichen und spirituellen Geschichten. Wenn wir diese Räume schließen, löschen wir nicht nur einen Posten in der Bilanz, wir löschen Ankerpunkte im Leben junger Menschen. Die Gefahr ist riesig, dass in den kommenden Verteilungskämpfen in den Dekanaten das klassische „Kirchturmdenken“ siegt: Die ehrwürdige Kirche im Dorf, in der sonntags vielleicht noch zehn Leute sitzen, wird gerettet. Das „ungeordnete“ Jugendzentrum, das ästhetisch vielleicht nicht ins Hochglanz-Bild passt, aber vor Leben vibriert, wird gestrichen.
Das darf nicht passieren. Denn eine Kirche, die ihre Zukunftsräume opfert, um ihre Bestände zu erhalten, entscheidet sich gegen ihre eigene Zukunft.
Konsumfrei sein
Warum sind diese Räume so wichtig? Schauen wir in den Sozialraum: Wo können junge Menschen heute noch sein, ohne etwas kaufen zu müssen? Die kommerziellen Räume werden immer dominanter. Cafés, Shopping-Malls, Kinos – überall gilt: Eintritts- oder Verzehrzwang.
Unsere kirchlichen Räume sind oft die letzten Orte der konsumfreien Begegnung, gerade in kleinen Kommunen und auf dem Land. Hier muss niemand einen Latte Macchiato kaufen, um bleiben zu dürfen. Hier darf man abhängen, sich ausprobieren, laut sein. Diese Orte sind unbezahlbar für die psychische Gesundheit junger Menschen und für unsere Gesellschaft. Sie sind Orte der Demokratiebildung, weil hier ausgehandelt wird, wie wir miteinander leben wollen, wenn auch im Kleinen. Wenn wir uns aus der Fläche zurückziehen, überlassen wir den Sozialraum anderen Akteuren – oder dem Leerstand. Das kann nicht unser Anspruch als Kirche sein, die für den:die Nächste:n da sein will.
Wir müssen uns die Räume zu eigen machen
Junge Menschen brauchen mehr als einen multifunktionalen Gemeindesaal, in dem man vor dem Seniorencafé bitte die Stühle wieder exakt in Reih und Glied stellt. Jugendarbeit braucht Räume, die man sich „aneignen“ kann. Das ist ein pädagogischer Kernbegriff: Aneignung heißt, Spuren zu hinterlassen. Die Wand streichen zu dürfen, das Sofa verrücken zu können, die Ästhetik selbst zu bestimmen. Den Ort zu „seinem:ihrem“ Ort zu machen.
Ein steriler Raum, der für alles offen ist, ist für niemanden wirklich Heimat. Deshalb warnen wir davor, Jugendzentren zugunsten von vagen „Synergie-Effekten“ in gesichtslose
Mehrzweckräume zu verwandeln. Junge Menschen brauchen Orte mit Profil, Orte mit Ecken und Kanten, Orte, die „Jugend“ atmen.
Nichts über uns ohne uns!
Die Entscheidungen, welche Gebäude in die „Kategorie A“ (bleibt finanziert) und welche in „B“ oder „C“ kommen, fallen jetzt. In den Dekanatsbezirken werden die Weichen für die nächsten zwanzig Jahre gestellt. Die Forderung der Evangelischen Jugend in Bayern ist glasklar:
Keine Entscheidung über Jugendräume ohne die Jugend!
Es reicht nicht, wenn wohlmeinende Gremienmitglieder darüber beraten, was für die Jugend „sinnvoll“ wäre. Die jungen Menschen müssen mit am Tisch sitzen. Wir müssen in den Steuerungsgruppen und bei den runden Tischen der Gebäudebedarfsplanung stimmberechtigt dabei sein. Junge Menschen sind Experten für ihre eigene Lebenswelt. Sie wissen am besten, welche Orte im Sozialraum funktionieren und welche nur auf dem Papier gut aussehen.

Beteiligung ist hier kein nettes Feigenblatt, sie ist alternativlos. Wenn jetzt über die Köpfe der kommenden Generation hinweg entschieden wird, wird die Kirche Zukunft verspielen. Nicht, weil junge Menschen den Glauben verlieren, sondern weil sie den Ort verlieren, an dem sie ihn leben können.
Mut zur Lücke, Mut zur Zukunft
Ja, die Landeskirche muss reduzieren. Aber lassen Sie uns das mit einem strategischen Blick nach vorne tun. Vielleicht brauchen wir weniger Immobilien, aber dafür die richtigen. Vielleicht müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass in jedem Dorf alles vorgehalten werden kann. Aber dann brauchen wir starke, gut erreichbare regionale Zentren, Jugendkirchen, Jugendhäuser, die Strahlkraft für eine ganze Region entwickeln. Wir brauchen den Mut zu regio-lokalen Lösungen, statt in jedem Ort den Mangel zu verwalten.
Die Gebäudebedarfsplanung ist eine schmerzhafte und schwierige Operation. Aber sie ist auch eine Chance, alten Ballast abzuwerfen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: lebendige Gemeinschaft und Begegnung.
Steine sind wichtig, aber sie sind nicht das Ziel. Das Ziel sind Menschen, die in diesen Steinen ein Zuhause finden. Sorgen wir dafür, dass die jungen Menschen auch morgen noch ein Dach über dem Kopf haben.
Lasst uns die Räume erhalten, in denen Zukunft wächst!
Du hast Interesse am Thema „Orte“?
Du findest weitere Artikel dazu in der Ausgabe 1/26 Orte.
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