Was macht Kirche zu Kirche?
Prof. Dr. Tobias Faix, Christian Hilbrands

Was macht Kirche zu Kirche?

Was macht Kirche zu Kirche?

Wie kirchliche Identität im Wandel neu entsteht und welche Rolle Jugend dabei spielen kann


Lesezeit: 18 Minuten

Ausgabe 4/25 Kirche

Prof. Dr. Tobias Faix ist Rektor und Professor für Praktische Theologie der CVJM-Hochschule in Kassel. Er leitet das Forschungsinstitut empirica für Jugend, Kultur & Religion und ist Teil des Reformprozesses 2026 der EKKW. 
Christian Hilbrands ist Referent des Rektors der CVJM-Hochschule in Kassel. Er forscht zur Organisationsentwicklung, zur Hebräischen Bibel und zur Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Kirche verändert sich – schon immer

Doch die Veränderung, in der wir jetzt stehen, ist so tiefgreifend, dass es die Kirche, wie wir sie heute kennen, in zehn Jahren nicht mehr geben wird. Die Kirchensteuereinnahmen werden um ca. 50 Prozent sinken. Jedes zweite kirchliche Gebäude wird aufgegeben oder umgenutzt, jede zweite Pfarrstelle wird abgebaut oder unbesetzt bleiben. Der Druck auf die Ortsgemeinden wird so groß, dass sie in ihrer bisherigen Form kaum weiterbestehen können. An ihre Stelle treten größere Einheiten, etwa Kirchenkreise, die unterschiedliche kirchliche Orte und Formate anbieten. Kirche wird – wie in weiten Teilen Ostdeutschlands – zur Minderheitenkirche, mit knappen Ressourcen und einer neuen gesellschaftlichen Rolle. Was manche fürchten, weckt bei anderen die Hoffnung auf Erneuerung. Wahrscheinlich trifft beides zu, aber eines ist klar: Es wird ein schwieriger und schmerzhafter Weg. Und ausgerechnet einer Gruppe, die kirchlich bisher oft übersehen wird, könnte in diesem Prozess eine Schlüsselrolle zukommen: der Jugend. 

In diesem Beitrag wollen wir deshalb neu fragen: Was macht Kirche aus? Wie kann sie sich verändern? Und welche Rolle können Jugendliche dabei spielen? Die junge Generation ist dabei nicht nur die Zukunft der Kirche, sondern ihre größte Hoffnung in der Gegenwart. Sie bringt Authentizität, Kreativität und ein tiefes Wertebewusstsein mit – und stellt mutig Fragen nach Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Sinn. Sie fordert Mitbestimmung und bringt Innovationskraft ein – und ist zugleich von Krisen, Unsicherheiten und psychischen Belastungen geprägt. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie weiß, wie es ist, in einer Welt des Wandels zu leben. Sie sucht nach Sinn, nach Verlässlichkeit und nach Aufgaben, die gesellschaftlichen Mehrwert haben. Die Kirche kann hier zur Heimat werden – wenn sie bereit ist, Jugendliche nicht nur zu begleiten, sondern wirklich partizipieren zu lassen. Die Jugend trägt das Neue in sich. Wer die Jugend beteiligt und ihr Vertrauen schenkt, entdeckt in ihr die Kraft, Kirche neu zu gestalten.

Startpunkt:
Im Umbruch liegt die Chance, neu nach dem Warum zu fragen

Der Umbruch wird überall das kirchliche Leben dominieren, abbrechen lassen und prägen.  Und ganz ehrlich: die bisherigen Veränderungen waren nur ein kleiner Teil des Transformationsprozesses. Schauen wir beispielsweise in die Niederlande, die uns in der Säkularisierung und im Mitgliederschwund voraus sind, wird deutlich, wie tiefgreifend die Umbrüche noch werden: Dort werden viele alte Kirchen und Gemeindehäuser schon verkauft und umgebaut – zu Büchereien oder Wohnhäusern. Der Umbruch ist viel greifbarer und steht uns erst noch bevor. 

Für viele bedeutet dieser Wandel vor allem Verlust: Die vertraute Kirche, das Gemeindefest, die Pfarrer:in, der Sonntagmorgen, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – all das ist mehr als nur Gewohnheit. Es ist liebgewonnene und erfahrene Identität. Gerade im Umbruch zeigt sich, wie tief Kirche in persönlichen Erinnerungen und biografischen Erfahrungen verankert ist. Wir identifizieren uns mit vertrauten Abläufen, Räumen und Personen – nicht mit abstrakten Strukturen oder Konzepten. Wenn diese gewohnten Formen verschwinden, entsteht ein emotionaler Verlust. Kirchliche Bindung und Identität übertragen sich nicht so einfach, wie die formale Mitgliedschaft zur nun ortsübergreifenden Kirchengemeinde. Zudem wachsen junge Menschen vielfach ohne religiöse Bindung auf. Dadurch muss Kirche ihr Dasein und ihre Aktivitäten nun erstmals rechtfertigen.

Kirche vor Ort ist für viele Zentrum des eigenen Lebens

Wenn Kirche sich verändert, löst dies bei vielen Verlustgefühle aus. Und Kirche muss lernen, würdevoll Abschied zu nehmen oder wie dies neuerdings heißt: Exnovation einzuüben. In diesen Transformationsprozessen liegt die Chance, wieder neu zu fragen: Wozu braucht es Kirche und was ist ihre Bestimmung? Dies ist die Frage nach dem Why, wie Simon Sinek es im Konzept des Golden Circle formulierte. Nach Sinek liegt der Erfolg von Organisationen und Bewegungen darin, zunächst ihre Vision und Werte (Why) zu klären, bevor sie sich mit Methoden (How) und Angeboten (What) beschäftigen. Wir werden nicht von Produkten oder Dienstleistungen begeistert, sondern von den Werten und Visionen, die sie vermitteln. 

Für die Kirche bedeutet dies, dass nicht Formen oder Strukturen entscheidend sind, sondern transformative Visionen, die ihrem Why dienen. Sinek sieht die Krise der Kirche darin, dass sie sich auf das konzentriert, was sie tut (What), anstatt das Evangelium (Why) in zeitgemäßen Formen zu verbreiten.1

1. Kirche als Identifikationsraum: Warum brauchen wir Kirche?

Kirche ist ein geistlicher Raum – ein Ort, an dem Menschen sich zugehörig fühlen, Hoffnung schöpfen, Gott begegnen. Doch was genau macht diesen Raum aus? Für viele ist es die vertraute Kirche im Ort mit Turm und Glockenschlag. Dort hat man gefeiert und getrauert – das Kirchengebäude ist ein Ort der eigenen Vergangenheit. Mit dem entwidmeten Gebäude entschwindet auch das kirchliche Leben. Für viele kirchlich Engagierte ist die Kirche vor Ort ein Zentrum des eigenen Lebens: der offenen Jugendarbeit, der Diakonie oder der kirchlichen Familienstätte. Wenn solche Orte durch Fusionen oder Entwidmung verschwinden, ist das mehr als ein äußerer Wandel. Es ist ein Eingriff in die Identität von Kirche. Fragen wir jetzt nach dem „Why“ von Kirche, dann möchten wir dem Verständnis von Christian Grethlein folgen2,  der das „Why“ von Kirche als Kommunikation des Evangeliums beschreibt. Wesentlich ist, dass das Evangelium nicht nur verbal vermittelt, sondern in Interaktionen, sozialen Praktiken und gemeinschaftlichem Handeln erfahrbar wird. Grethlein versteht das Evangelium als ein dynamisches Kommunikationsgeschehen, das sowohl Inhalt als auch Form der Vermittlung umfasst. Dies wird im neutestamentlichen „euangelizō“ deutlich, das als Verb den interaktiven, dialogischen Charakter des Evangeliums betont. Diese Kommunikation des Evangeliums realisiert sich nach Grethlein in drei Grundformen:

Leben und lehren als kontextuelle Lerngemeinschaft: 
Bildung, Weitergabe von Glaubenswissen und die Reflexion über die eigene Spiritualität bilden einen Schwerpunkt kirchlichen Handelns. Diese Dimension ist oft eng mit Gemeinschaft und Nähe verbunden, etwa wenn ortsgebundene Strukturen erweitert oder neue Gemeinschaftsformen geschaffen werden. Gerade in ländlichen Regionen bieten solche Strukturen einen natürlichen Rahmen für den Austausch von Glaubenswissen und spirituellem Wachstum, da sie Nähe und Vertrautheit ermöglichen. Diese Verbundenheit fördert nicht nur die Sprachfähigkeit im Glauben, sondern auch das gemeinsame Kirchesein „mit“ den Menschen vor Ort.

Gemeinschaftliches Feiern:
Liturgische Praktiken, Gottesdienste und Rituale machen das Evangelium erfahrbar. Sie sind Orte der Stabilität – besonders in einer Gesellschaft im Umbruch. Die lange Tradition liturgischen Feierns bietet Orientierung und Halt in Krisen, indem sie Räume eröffnet, in denen Gemeinschaft und Glaube erlebt werden. Dabei gilt: Mehr Vielfalt statt vielfach das Gleiche – etwa durch neue gottesdienstliche Formen, Kasualagenturen oder Segensangebote.

Helfen zum Leben: 
Gemeinwesendiakonie, Hilfe für Bedürftige und der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft gehören zum Kern von Kirche. Diese kann durch niedrigschwellige, auch für Kirchenferne zugängliche Formate ergänzt werden. Diakonische Erfahrungen gelebter Nächstenliebe verankern kirchliches Handeln sichtbar im Lebensumfeld der Menschen. So entstehen vielfältige kirchliche Orte, an denen praktische Hilfe und Glaubenszeugnis miteinander verschmelzen. 

Wenn wir dieses Grundverständnis aufnehmen, stellt sich die Frage, was es für die Organisationsform und die Umsetzung bedeutet. Dazu müssen wir drei zentrale Blickwinkel von Kirche miteinander verbinden.

2. Was ist Kirche: Ekklesiologie, Kirchentheorie und Kirchenrecht im Fokus

Wie lässt sich die Kommunikation des Evangeliums angesichts der gegenwärtigen Transformationen in kirchliche Organisationsstrukturen gießen? Wo müssen sich Strukturen verändern? Und was bedeutet dies für die Praxis? 

Ein Beschluss der EKD-Synode 2018 bietet dazu eine theologische Leitplanke, wo unter dem Punkt „Vielfalt kirchlicher Orte und Zugehörigkeit“ folgender Absatz beschlossen wurde: 

„Wir wollen die Vielfalt kirchlicher Orte fördern, weil diese Orte ganz Kirche sind, ohne die ganze Kirche abzubilden. Wir wollen neue kirchliche Orte ausprobieren. Das braucht zuweilen Vertrauen und Mut zum Risiko. Experimente dürfen auch scheitern. Wir wollen eine strukturelle Vernetzung von neuen und bestehenden kirchlichen Orten und Projekten, sowie deren organisatorische, juristische und finanzielle Einbindung. Nur so kann die Vielfalt kirchlicher Orte auch in der Fläche umgesetzt werden.“3

Damit nimmt die EKD u.a. Bezug auf neue Orte kirchlichen Handelns, wie Erprobungsräume. Neue kirchliche Orte sind ganz Kirche – auch wenn sie nicht die ganze Kirche sind. Dieses Anerkenntnis fordert heraus, Vertrautes loszulassen. Was zählt, ist nicht die Form, sondern das Geschehen des Evangeliums. Denn ekklesiologisch lässt sich Kirche als communio des Glaubens verstehen: als lebendige Gemeinschaft derer, die vom Evangelium erreicht und bewegt sind. Bereits die reformatorische Confessio Augustana (CA VII) betont, dass Kirche dort ist, wo das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente recht verwaltet werden. Die CA versteht Kirche als ereignishaft – und das klingt schon recht modern: Entscheidend ist das Ereignis, nicht die Institution. Kirche ist nicht durch Verwaltungsgrenzen, Gebäude oder Hauptamt definiert, sondern durch das Wirken Gottes inmitten der Menschen. In der Praxis dominiert das Bild einer ortsgebundenen Kirche (= Parochie) um ein Gebäude, Strukturen und Pfarrer:in vor Ort. Doch dies entstammt der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts: Wo jede:r in einem Ort lebte, schlief, heiratete und arbeitete und jede:r Mitglied in der Kirche vor Ort war. Da war eine ortsgebundene Kirche sinnvoll. Bei allen Vorzügen: Diese Fixierung wird immer schwieriger aufrechtzuerhalten und hat vielfach längst ihren Verfallspunkt überschritten. Schon 2018 hat Christian Grethlein für die Kirche im bisherigen Organisationsmodus den Begriff „Zombie“ verwandt, weil diese den gesellschaftlichen Realitäten wie Säkularisierung, Individualisierung, pluraler Lebensentwürfe u.a. nicht mehr gerecht wird.

Kirchentheoretisch stellen sich dabei zentrale Fragen: Wie viel Institution braucht Kirche und wie viel Bewegung verträgt sie? Neue Formen reagieren auf diese Herausforderungen mit spezifischen Angeboten für Zielgruppen, temporären Formaten, neuen Beteiligungsstrukturen. Denn theologisch betrachtet ist Kirche nicht monolithisch, sondern Ausdruck des Evangeliums in vielfältigen Gestalten. Das erfordert eine Ekklesiologie, die nicht von festen Formen ausgeht, sondern von Beziehung, Sendung und Kontext. Und es verlangt eine Kirchentheorie, die nicht nur verwaltet, sondern Freiraum für Neues schafft. 

Denn was Kirche zu Kirche macht, ist ihre Ausstrahlung, ihre gelebte Chris-
tusbeziehung und ihre Fähigkeit, Resonanz zu stiften. Fürs Kirchenrecht gilt: Wenn neue Formen dauerhaft Bestand haben sollen, brauchen sie rechtliche Anerkennung, finanzielle Mittel und eine Verankerung im kirchlichen Gesamtgefüge – ohne ihre kontextuelle Flexibilität zu verlieren. Dazu braucht es eine Theologie des Ermöglichens: ein Kirchenrecht, das Freiräume schafft, statt einengt. Nur so gelingt eine mixed ecology – ein vielfältiges Miteinander alter und neuer Formen.4 

Was bleibt, ist die Erkenntnis: Kirche bleibt Kirche, wenn sie das Evangelium in immer neuen Formen kommuniziert. Die Kirche von morgen entsteht dabei nicht nur in Gremien und Strukturen, sondern dort, wo Menschen heute gemeinsam glauben, feiern und handeln.

3. Jugend als Motor der Transformation

Gerade die junge Generation spielt in diesem Wandel eine Schlüsselrolle. In ihrer Lebenswelt ist Flexibilität selbstverständlich, neue Formate werden nicht als Bruch, sondern als Chance wahrgenommen. Im Verständnis von Kirche als Kommunikation des Evangeliums wird deutlich: Diese Kommunikation ist ein lebendiger, dialogischer und gemeinschaftlicher Prozess. Sie lebt von Offenheit, Lernbereitschaft und der Fähigkeit, neue Ausdrucksformen zu entwickeln. Genau hier liegt eine besondere Stärke der jungen Generation – und zugleich ein entscheidender Hoffnungsimpuls für die Kirche im gegenwärtigen Umbruch.

Innovationskraft
Jugendliche bringen neue Perspektiven, digitale Kompetenzen und kulturelle Ausdrucksformen ein, die für die Kommunikation des Evangeliums in einer pluralen Gesellschaft unverzichtbar sind.

Authentizität und Relevanz
Ihre Fragen an den Glauben sind oft direkt, existenziell und frei von kirchlich-traditioneller Binnenlogik. Das zwingt Kirche, ihre Botschaft klarer und lebensnäher zu formulieren.

Gestaltungswille
Junge Menschen sind bereit, neue Gemeinschaftsformen auszuprobieren, Verantwortung zu übernehmen und kirchliche Praxis im Alltag zu verankern.

Brückenfunktion
Als „Generation zwischen den Welten“ können Jugendliche zwischen kirchlich gebundenen Milieus und säkularen Kontexten vermitteln.

Biblisch-theologisch ist dies an-schlussfähig an die Berufung junger Menschen in der Heilsgeschichte: Jeremia wird als junger Mann in den prophetischen Dienst gerufen (Jer 1,6–8), Maria trägt als vermutlich Teenagerin das Evangelium leiblich in die Welt (Lk 1), Timotheus wird trotz seiner Jugend in eine  Leitungsverantwortung ermutigt (1.Tim 4,12). Gott handelt nicht erst, wenn Menschen „fertig“ sind – sondern traut ihnen schon früh Verantwortung zu. Gerade jetzt, wo kirchliche Strukturen unter starkem Rückbau stehen – sinkende Ressourcen, weniger Personal, Aufgabe von Gebäuden – kann Jugendbeteiligung nicht als „optional“ betrachtet werden, sondern ist eine strategische Notwendigkeit:

Partizipation verankern: Reformprozesse müssen so gestaltet sein, dass Jugendliche nicht nur Adressaten, sondern Mitgestalter sind.

Neue kirchliche Orte erproben: Jugendgruppen, Projektgemeinden oder digitale Formate können als Keimzellen für neue kirchliche Präsenzformen dienen.

Kulturelle Relevanz sichern: Jugendliche bringen Themen (Klimagerechtigkeit, Diversität, soziale Medien) ein, die Kirche in den öffentlichen Diskurs tragen kann.

Zukunftsfähigkeit fördern: Die Einbindung junger Menschen stärkt langfristig die personelle und ideelle Basis kirchlicher Arbeit.

Wenn Kirche in den drei Modi Lehren und Lernen, gemeinschaftliches Feiern und Helfen zum Leben zukunftsfähig bleiben will, dann braucht sie die Energie, Kreativität und Glaubensfreude junger Menschen nicht nur als „Jugendarbeit“ im Nebenraum, sondern als integralen Bestandteil ihres Selbstverständnisses und Handelns. 

Oder zugespitzt: In einer Minderheitenkirche sind Jugendliche nicht „die Zukunft“ – sie sind bereits jetzt Teil der Gegenwart, ohne die es keine zukunftsfähige Kirche geben wird. In der lutherischen Landeskirche Hannovers wurde dies jüngst anerkannt: Ein Synodenbeschluss („Anfänge des Glaubens“) rückt Kinder und Jugendliche ins Zentrum kirchlicher Zukunftsprozesse. Sie werden nicht nur als Zielgruppe gesehen, sondern als Mitgestaltende und dies nicht nur auf einer theoretischen Ebene, sondern als Kriterium für die inhaltliche Arbeit der Kirche und die Verteilung finanzieller Ressourcen.5

Ihre Fragen und Kreativität helfen, Kirche neu zu denken – jenseits verfestigter Bilder. Dort, wo sie beteiligt werden und selbst Räume mitgestalten dürfen, wird Kirche lebendig. Ihre Perspektiven zeigen: Kirche ist nicht tot, aber sie muss sich bewegen – hin zu neuen Formen, neuen Beziehungen und neuer Relevanz. Die Aufgabe lautet nun, diese Energie ernst zu nehmen und theologisch zu verorten: Was ist Kirche – heute?

4. Das Neue – wann wird es Kirche?

Kirche muss zur lernenden Kirche werden. Dies erfordert Prozesse des Umlernens und Verlernens überkommener Muster. Innovatives und transformatives Lernen ist stets auch die Bereitschaft, Gewohntes hinter sich zu lassen (Exnovation), Irritationen auszuhalten und sich von vertrauten Sicherheiten zu lösen.6 Dabei ist Lernen ein zutiefst sozialer Vorgang – in Interaktion, Sprache und gemeinschaftlichen Kontexten. 

Hier kommen wir wieder zu dem „Why“ von Kirche und dem Verständnis von Kirche als Kommunikation des Evangeliums, wie es Christian Grethlein beschreibt: Das Evangelium als Interaktionen, soziale Praktiken und gemeinschaftliches Handeln. Umlernprozesse gehören dazu, wir sind in allen Umbrüchen, ja in aller Gebrochenheit Kirche und bieten damit auch Raum, in dem altes Denken hinterfragt wird und neue Formen ausprobiert werden. Das Konzept der „lernenden Organisation“ (Peter Senge) zeigt: Transformation gelingt nur, wenn alle Beteilig-ten lernen – nicht nur Leitungsgremien.7 Eine lernende Kirche braucht eine gemeinsame Vision, die Orientierung bietet, muss anpassungsfähig auf ihre Umwelt reagieren, kooperative Lernprozesse fördern und Wissen so verteilen, dass es allen zugutekommt. Das bedeutet auch, Teilhabe an Kommunikation, Entscheidungskompetenz und Finanzen sicherzustellen. 

Kirche ist nicht tot, aber sie muss sich zu neuen Formen hin bewegen

Ohne die Bereitschaft, Machtfragen offen anzusprechen, wird kein nachhaltiger Umlernprozess gelingen. Junge Menschen wachsen in solchen gesellschaftlichen Unsicherheiten auf und bringen oft die Gaben und Fähigkeiten mit, die Kirche gerade braucht, hinterfragen die gewohnten Routinen, irritieren und stoßen dadurch Lernprozesse an. Ihre Selbstverständlichkeit im Umgang mit Vielfalt, digitalen Räumen und gesellschaftlichen Zukunftsfragen macht sie zu einer wichtigen Innovationsquelle. Werden Jugendliche nicht nur als Zielgruppe, sondern als gleichberechtigte Akteure ernst genommen, fördert dies die partizipativen, transparenten und kommunikativen Strukturen, die eine lernende Kirche braucht. Postparochiale Formen von Kirche eröffnen hier neue Spielräume, da sie weniger an starre Ortsgrenzen gebunden sind und flexiblere Teilhabe ermöglichen. So wird deutlich: Die Transformation der Kirche ist ohne die Jugend kaum denkbar. Ihre Perspektiven, ihre Kommunikationsformen und ihr Gestaltungswille sind keine Ergänzung, sondern konstitutiv für Kirche, die sich erneuern will. 

Wer die Zukunft der Kirche gestalten will, muss mit der Jugend lernen – und von ihr. Kirche kann auch im Café, im Wohnzimmer, im Netz, hybrid oder in Projekten mit ganz anderem Namen geschehen. Immer wieder entstehen neue Initiativen, spirituelle Erprobungsräume, soziale Projekte oder kirchliche Start-ups. Doch wann werden sie zur Kirche und uns zum Identifikationsraum?8  Hier hilft der ekklesiologische Blick: Kirche entsteht dort, wo Menschen gemeinsam glauben, lieben, hoffen. Wo sich Gemeinschaft ereignet, die getragen ist vom Vertrauen auf Gott. Diese Weite anzuerkennen, fällt manchmal schwer – besonders dann, wenn die bisherige Form an Relevanz verliert. Aber vielleicht liegt genau hier die Chance, neu zu entdecken, was Kirche ist. Die Formen ändern sich, doch Beziehungen und Gemeinschaft bleiben und darin ergeben sich neue Anknüpfungspunkte für unsere Identität.

Nicht das Etikett macht Kirche für uns zu Kirche

Transformationsprozesse fordern heraus. Sie lösen Unsicherheiten aus, rütteln an Selbstverständlichem, stellen Gewohntes infrage. Doch sie bieten auch die Möglichkeit zur Klärung: Was ist für uns unverzichtbar? Was ist das Evangelium unter den Bedingungen von heute? Solche Klärung bewahrt das Eigentliche. Neben der Unverfügbarkeit Gottes muss auch von der Verfügbarkeit der Kirche gesprochen werden. Gott bleibt, aber die Formen, in denen wir ihn feiern, sind wandelbar. Identität entsteht nicht durch das Festhalten an Äußerlichkeiten, sondern durch die bewusste Aneignung des Kerns: Wir sind gerufen, in der Nachfolge Jesu zu leben, Gemeinschaft zu gestalten, Glaube, Liebe und Hoffnung zu praktizieren.

In einer fragmentierten Gesellschaft sollte Kirche verbinden: Generatio-nen, Milieus, Stadt und Land, online und vor Ort. Dazu braucht es neue Möglichkeiten – aber auch eine neue Haltung: Kirche als Raum des Dialogs, der Gastfreundschaft, des Suchens. Sie hat Profil: Sie traut Gott zu, dass er Menschen ruft – auch außerhalb institutioneller Wege. Sie traut sich selbst zu, diese Menschen zu begleiten – mit offenen Ohren, mit echter Zuwendung, mit Mut zur Veränderung.

Ausblick: Kirche blüht auf – siehst du’s noch nicht?

Kirche ist ein Resonanzraum des Evangeliums – wandelbar, verletzlich, manchmal widersprüchlich, aber immer voller Möglichkeiten. Wer Kirche nur als Organisation denkt, muss den Wandel fürchten. Wer sie als Identifikationsraum und Beziehungsgeschehen erlebt, entdeckt im Wandel neue Chancen und erlebt neuen Aufbruch. Gerade die junge Generation trägt hier eine besondere Hoffnung. Sie bringt die Kreativität, die Fragen und den Mut mit, die Kirche jetzt braucht. Sie lebt selbstverständlich in einer Welt des Wandels – und kann genau deshalb Impulse geben, wie Kirche beweglich, relevant und zukunftsfähig bleibt. Die Kirche von morgen wird anders aussehen als die Kirche von gestern. Aber sie wird da sein, dort, wo Menschen gemeinsam glauben, lieben und hoffen – getragen vom Vertrauen, dass Gottes Geist auch im Umbruch Neues schafft. Kirche beginnt nicht erst am Sonntagvormittag im Kirchenschiff. Sie geschieht im Cafégespräch über Sinn. In der solidarischen Aktion für Geflüchtete. Im geteilten Gebet am Lagerfeuer. Im Raum der Stille mitten im Shoppingcenter. Vielleicht ist sie oft genau dort, wo wir es nicht erwartet haben.

Was Kirche für uns zu Kirche macht, ist nicht das Etikett. Es ist die Erfahrung, angesprochen zu sein – von einem Gott, der ruft. Und von Menschen, die antworten. Kirche ist da, wo diese Begegnung möglich wird. 

Und das kann überall sein.  


Sieben Impulse zum Weiterdenken

1. Abschied nehmen & Trauer zulassen: Veränderung bedeutet immer Verlust – selbst wenn wir es nicht bemerken. Menschen brauchen Zeit und einen Raum, um das auszudrücken.

2. Wie können Jugendliche konkret in Verantwortung kommen – was heißt das für Macht und Beteiligung?

3. Narrative stärken: Erzählen wir, was Kirche uns bedeutet – und was sie demnächst bedeuten kann. Identität entsteht durch Erzählen und voneinander lernen.

4. Beziehungen leben: Kirche ist Begegnung, Kommunikationsräume für echte Beziehungen eröffnen.

5. Prozesse partizipativ gestalten. Die Jugend bewusst in alle Gremien und Ebenen einbauen, Entscheidungen an dem Nutzen für die neue Generation messen.

6. Das Eigentliche bewahren: Worum geht es im Kern? Was ist das gemeinsame „Warum Kirche“? Daran muss sich alles Neue messen lassen.

7. Neues ausprobieren: Kirche muss nicht alles wissen. Sie muss auch lernen, scheitern, neu anfangen. Worin liegt da eine neue Freiheit?


Du hast Interesse am Thema „Kirche“?
Du findest weitere Artikel dazu in der
Ausgabe 4/25 Kirche.

Literatur

1 Simon Sinek (2009). Start with Why. Penguin.

2 Christian Grethlein (2018). Christsein als Lebensform. Eine Studie zur Grundlegung der Praktischen Theologie (ThLZ.F 35), Leipzig, 25–41.

3 Nr. 105 – Beschluss zu „Weite(r) sehen – Evangelische Kirche verändert sich“, in: Amtsblatt der EKD vom 14. November 2018, 270.

4 Tobias Faix (2025). „Kirche zwischen ‚Zombie‘ und ‚Wildwuchs‘. Kritische Reflexionen neuerer kirchentheoretischer Versuche im Spannungsfeld mit dem gegenwärtigen Organisationsmodus von Kirche.“ In: Kirche(ntheorie) auf dem Prüfstand, hg. von Domsgen u.a, EVA.

5 „Welches Finanzierungsmodell (Zuweisungen) fördert sozialraumorientiertes kirchliches Handeln und ein Kinder-Jugend-Familien-orientiertes Handeln (neben dem Kriterium Mitgliederzahl sollten weitere Kriterien berücksichtigt werden).“ Mehr dazu hier: www.zukunftsprozess.de/Schwerpunkt, abgelesen am 31. August 2025.

6 Sandra Bils/Gudrun Töpfer (2024). Exnovation und Innovation. Schäffer-Poeschel.

7 Tobias Faix/Anna-Lena Moselewski (2024). „Kirche als lernende Organisation im Kontext der Klimakrise“, in: PTh 113, 481–499.

8 Sandra Bils/Tobias Faix/Christian Hilbrands (2024). „Erprobung empirisch: Analyse, Lern-erfahrungen und Handlungsempfehlungen für die Kirchenentwicklung.“ In: Erprobung empirisch. Resultate und Reflexionen im Kontext der Erforschung landeskirchlicher Innovations- und Erprobungsräume, hg. Sandra Bils u.a., Vandenhoeck & Ruprecht, 263–288.

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