Zwischenraum Kirche

Zwischenraum Kirche

Zwischenraum Kirche

Wie junge Menschen und geistliche Lernprozesse
Kirche verwandeln

Lesezeit: 10 Minuten
Ausgabe 1/26 Orte

Arlett Rumpff ist Studienleitung für Innovation im Amt für kirchliche Dienste in Berlin.
Verena Kühne hat die Projektstelle Innovation im Amt für kirchliche Dienste in Berlin.

Kirche ist im Wandel. Aber vielleicht ist dieser Wandel weniger ein Umbau als ein Loslassen. Junge Menschen spüren das intuitiv: Sie suchen keine fertigen Antworten, sondern Resonanz – Orte, an denen sie gehört werden, sich entfalten und Teil einer Gemeinschaft sein können. Zwischen TikTok, Rückzugsorten und gesellschaftlichen Umbrüchen braucht es Räume, die Vertrauen schenken, Teilhabe und Selbstwirksamkeit ermöglichen und Sinn stiften – Dritte Orte, statt klassischer parochialer Strukturen, in denen Glauben ausprobiert werden darf.

Diese Orte entstehen oft dort, wo niemand sie geplant hat: in der Kommentarspalte, im Klassenzimmer, im Discord-Chat oder in einem Computerspiel. Kirche geschieht dort, wo Resonanz aufscheint – manchmal mitten im Lärm digitaler Netze.

Resonanz statt Reichweite

In unserer Arbeit erleben wir immer wieder, dass Resonanzräume selten planbar sind. Sie entstehen dort, wo Beziehung wichtiger ist als Reichweite. Junge Menschen fordern das unbewusst heraus: Sie wollen mitgestalten, nicht nur mitmachen. Sie wünschen sich echte Beteiligung – und sie spüren sehr genau, wenn Beteiligung nur inszeniert ist.

Gerade in der digitalen Welt wird das deutlich. Soziale Medien eröffnen Kontaktzonen, die intensiv, aber auch flüchtig sind. Zwischen Chatverlauf und Kommentarspalte entstehen Momente echter Nähe – aber sie verflüchtigen sich oft schneller, als sie Vertrauen bilden können. Die ständige Sichtbarkeit erzeugt ein paradoxes Gefühl: permanent verbunden und doch selten persönlich gemeint. Genau hier liegt eine spirituelle Sehnsucht, auf die Kirche antworten kann – nicht mit mehr Posts, sondern mit Beziehung, die bleibt. Nicht mit besserer Kommunikation, sondern mit echter Begegnung. Zwischen Memes und Messages stellen sich Jugendliche (und nicht nur die) existentielle Fragen: Wer hört mich? Wo darf ich zweifeln? Was bedeutet Sinn, wenn alles geteilt und bewertet wird? Hier kann Kirche Resonanzraum sein – wenn sie sich selbst verwandeln lässt. Wenn sie nicht nur sendet, sondern zuhört. Nicht belehrt, sondern teilt. Als Kirche, die auch Erfahrungsräume öffnet, in denen junge Menschen gestalten, ausprobieren, eingreifen können – passend zu digitalen und informellen Kontexten.

Das Bibellabor – ein Dritter Ort im Digitalen

Ein Beispiel dafür ist das Bibellabor in Minecraft der von Cansteinschen Bibelanstalt in Berlin e.V.. Kein Unterricht, keine klassische Gemeindegruppe, kein Kirchraum aus Stein – sondern ein digitaler Erfahrungsraum, in dem junge Menschen biblische Geschichten befragen, neu deuten und sich ihre Minecraft-Landschaften bauen, mit eigenen Kirchräumen, Archen und Wüsten, Stadtmauern und Tempel, in denen sie einander begegnen. Gemeinsam entwickeln sie Ideen, wie biblische Inhalte in diesen Welten erfahrbar werden können. Sie programmieren Anwendungen, mit denen sich Klänge, Stimmen und Begleittexte einfügen lassen. Sie sorgen dafür, dass die Welten auf allen Geräten – Computer, Tablet, Smartphone, Xbox oder VR-Brille – zugänglich sind. Sie entwerfen Spiele mit biblischen Themen, gestalten Parcours und virtuelle Erlebnisse, planen Events und Gottesdienste, drehen Videos in ihren digitalen Landschaften und organisieren Treffen für andere Jugendliche. So wird Kirche zu einem Ort, der Erfahrungsräume öffnet, in denen junge Menschen gestalten, ausprobieren und eingreifen können. Manchmal sitzen sie bei einer LAN-Party nebeneinander, oft aber sind sie kilometerweit voneinander entfernt und doch verbunden. Wenn die Schöpfungsgeschichte als digitales Ökosystem wächst oder die Psalmen als leuchtende Klanglandschaft erstehen, wird erfahrbar: In diesem Raum ist Raum für Gespräche über Leben, Verantwortung, Glauben, Hoffnung und Zusammenhalt. Glaube lebt – auch im Digitalen. Dabei keiner festen Liturgie folgend dürfen Fragen und Zweifel stehen bleiben. Das, was entsteht, ist weniger eine Antwort als mehr eine Begegnung zwischen Glauben und Gegenwart, zwischen Text und Erfahrung, zwischen Spieler:innen und Gott. So wird Minecraft zum Zwischenraum, in dem sich Kirche nicht als fertige Struktur zeigt, sondern als Beziehungsgeschehen – digital, kreativ, gemeinschaftlich.

Das Bibellabor bietet einen kirchlichen Dritten Ort im Digitalen (Foto: Bibellabor)

Vom Machen zum Lassen

Was im Bibellabor digital erfahrbar wird, findet auch in der analogen kleinen EKBO-Welt eine Entsprechung: im geistlichen Lernweg der Werktage. Was als Innovationstag begann, wurde zu einer Bewegung – weg von der Idee einer „reparierten Kirche“ hin zu einer Kirche im Werden.

Das Bibellabor und die Werktage verbindet ein gemeinsamer Impuls: Beide eröffnen Räume, in denen Kirche das Loslassen übt, das Dazwischen aushält. Im Bibellabor durch das freie Spiel, das keine Kontrolle kennt; in den Werktagen durch das Innehalten, das auf Planung verzichtet. Beides sind geistliche Übungen gegen den kirchlichen Reflex, alles gestalten, sichern, strukturieren zu wollen. Aus diesem Offenlassen erwächst ein Raum, in dem andere Wirksamkeit erfahren. Sie zeigen: Das Neue entsteht nicht durch Aktivismus, sondern durch Aufmerksamkeit.

Aufbruch aus der Illusion

Als der erste Werktag am 27. September 2023 unter dem Titel „Am Ende der Illusion“ stattfand, war spürbar: Dies sollte kein weiterer Reformtag sein, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Die Moderator:innen Ursula Hahmann und Dr. Valentin Dessoy luden zu einem Tag der Wahrnehmung ein. Wo stehen wir wirklich? Welche Narrative tragen uns – und welche täuschen uns? Bischof Christian Stäblein markierte den Wendepunkt: „Diese Kirchenorganisation wird sterben – und das ist kein Untergang, sondern Teil ihrer Verwandlung.“ Eine Einladung zur Nüchternheit – und zugleich zum Vertrauen: Kirche als Organisation mag sich auflösen, doch das Evangelium lebt. In Kleingruppen wurde über Sinn, Motivation und Freiräume gesprochen – nicht über Programme, sondern über Haltungen. Der Tag öffnete einen Prozess, der das Ende nicht fürchtet, sondern als Anfang versteht.

Das Dazwischen aushalten

Ein Jahr später, am 14. März 2024, führte der Werktag „Vorsicht Stufe“ diesen Weg fort – mit einem bewussten Schritt in die Langsamkeit. Christopher Scholtz, Leiter des IPOS in der EKHN sprach über das „Ankommen im Dazwischen“ – jene Zwischenräume, in denen Altes nicht mehr trägt und Neues noch nicht sichtbar ist. Ein Innehalten in der Phase des Übergangs, in dem die übliche Ordnung aufgehoben ist, wo Regeln nicht mehr greifen und noch kein Gegenentwurf zum Bisherigen existiert, mit Unsicherheit, Veränderungsschmerz, aber auch Raum für Kreativität, neue Erfahrungen und Visionen. Workshops, Rituale und ein gemeinsames Trauermahl machten spürbar: Abschied ist kein Versagen, sondern Voraussetzung für Verwandlung. Der Tag wurde zu einer stillen Liturgie des Loslassens – ein Gegenprogramm zum kirchlichen Aktivismus. Kerzen, Feuertonne, Musik und das Verbrennen eigener Trauerkarten öffneten einen Raum, in dem Trauer, Stille und Hoffnung nebeneinander stehen durften. Im Innehalten wurde spürbar: Das Dazwischen ist kein leeres Nichts, sondern ein Raum, in dem das Neue atmen lernt. 

Das Dazwischen bewohnen

Am 16. September 2025 schließlich wurde das Dazwischen selbst zum Thema: „VerLUST – Kirche ohne ein Betriebssystem“. Etwa 200 Menschen füllten das Gelände des ehemaligen AKD-Bürohauses mit Leben. Aus den alten Büroräumen wurden Experimentierräume – Orte des Hörens, Spielens, Nachdenkens, Feierns. In den Workshops erkundeten die Teilnehmer:innen ihre „Orte im Dazwischen“, ihre Betriebssysteme, nach denen sie funktionieren, oder auch nicht. Diese symbolischen Landschaften – Wüste, Ameisenhaufen, Moor, Tiefsee, Fluss oder Großstadt u.a. – standen als Metaphern für ihre kirchlichen Realitäten. So entstanden „Karten des Dazwischens“, in denen Ressourcen, Herausforderungen und Möglichkeiten sichtbar wurden.

Den Nachmittag prägte ein stärkendes Tischmahl im Hof, mit Pizza und der gesamten Nachbarschaft im Kiez. Was 2024 noch als Trauermahl begann, wurde 2025 zu einem Fest der Lebendigkeit. Menschen aus dem Kiez, Mitarbeiter:innen und Gäste saßen gemeinsam an langen Tischen – Kirche nicht als Konzept, sondern als geteiltes Leben, ein „Möglichkeitsraum“, wie Bischof Stäblein formulierte. „Hier kann Neues wachsen, ohne dass es sofort definiert werden muss.“ Damit wurde deutlich: Das Dazwischen ist kein Übergang mehr, sondern ein Ort eigener Qualität – verletzlich, offen, kreativ.

Im Rückblick wird eine Linie sichtbar: 2023 – Illusionen beenden. 2024 – Das Dazwischen aushalten. 2025 – Das Dazwischen bewohnen. 

Was als Veranstaltungsformat begann, wurde zu einer Spiritualität des Wandels. Kirche lernt, aufzuhören, zuzuhören und Raum zu lassen – für das, was größer ist als sie selbst. Vielleicht beginnt echte Transformation nicht mit Aktion, sondern mit einer heiligen Pause. Mit einem Aufhören, das kein Ende, sondern ein Anfang ist. Mit einem Nicht-Tun, das Raum schafft für das Wirken des Geistes.

Das Aufhören als Anfang – Kirche im Dazwischen

Kirche hat über Jahrhunderte gelernt, zu tun: zu organisieren, zu planen, zu gestalten. Doch vielleicht ist jetzt eine Zeit gekommen, in der das Tun allein nicht mehr trägt. Wo immer wir versuchen, Lebendigkeit zu erzwingen, ersticken wir sie unter Konzepten. 

Das Bibellabor und die Werktage erzählen auf unterschiedliche Weise dieselbe Geschichte: Kirche verwandelt sich, wenn sie aufhört, alles selbst machen zu wollen. Beide zeigen, dass Aufhören nicht Verlust bedeutet, sondern Raum schafft – für Resonanz, für Geist, für Begegnung.

Einblick in die Werktage (Foto: AKD)

Es geht nicht darum sich zurückzuziehen, sondern darum Raum frei zu geben (zu ermöglichen). Aufhören, Beteiligung zu managen – weil Beziehung nicht administrierbar ist. Aufhören, Veränderung zu simulieren – weil echter Wandel aus Begegnung wächst. Aufhören, jedes Leck mit neuen Projekten zu stopfen – weil nicht jedes Fehlen ein Fehler ist.

Im Bibellabor wird dieses Aufhören sichtbar: Jugendliche lassen ihre Fragen stehen, sie füllen die Lücken nicht sofort mit Antworten. Sie bauen Landschaften, die nie fertig sind – Kirchenräume aus Pixeln, die atmen. Das Offene selbst wird zum Ort des Glaubens. Auch die Werktage üben dieses Vertrauen: das Aushalten des Dazwischen, das Innehalten, das Nicht-Wissen. Aufhören wird dort zu einer geistlichen Geste – zu einer heiligen Pause, in der sich der Geist Gottes seinen eigenen Weg sucht. Kein Ende der Bewegung, sondern ihr Ursprung. Kein Rückzug, sondern eine Rückkehr zur Mitte. So wächst aus dem Aufhören eine neue Gestalt von Kirche: eine Kirche im Dazwischen. Nicht als System, das alles im Griff hat, sondern als lebendige Bewegung zwischen Himmel und Erde, zwischen digital und analog, zwischen Tradition und Experiment, zwischen Wissen und Fragen.

Diese Kirche geschieht, wo Menschen sich gegenseitig Resonanz schenken – am Küchentisch, in der Kommentarspalte, in leergeräumten Gemeinderäumen, in digitalen Werkstätten aus Pixeln und Poesie. Sie weiß, dass Räume nicht gefüllt, sondern geöffnet werden müssen. Dass Glauben kein Besitz ist, sondern Beziehung. Solche Orte haben keine Garantie, keine Dauer, keine Planbarkeit. Aber sie haben Atem. Und dieser Atem erinnert daran, dass Glaube immer  Bewegung bleibt – ein Rhythmus aus Kommen und Gehen, aus Tun und Lassen, aus Reden und Schweigen.

Nicht alles muss bleiben. Nicht alles muss neu werden. Aber alles darf sich bewegen.

Vielleicht ist das die Kirche der Zukunft: eine Kirche im Dazwischen – verletzlich, offen, hörend. Eine Kirche, die lebendig ist, weil sie aufgehört hat, sich selbst zu retten. Weil sie gelernt hat, zu atmen. Weil sie vertraut, dass im Dazwischen Gott selbst zugegen ist – unscheinbar, aber wirksam.


Du hast Interesse am Thema „Orte“?
Du findest weitere Artikel dazu in der
Ausgabe 1/26 Orte.

Share On [Sassy_Social_Share]

Rückmeldungen

Schreibe einen Kommentar