„Der Diakon, der macht das schon.“ „Dein Lohn ist, dass du dienen darfst.“ Sätze wie diese haben so manche Hauptamtliche in ihrer Ausbildung gehört. Sie klingen fromm, fast fürsorglich, und richten trotzdem Schaden an. Dahinter steckt ein Bild, das sich hartnäckig hält: Wirklich starke Haupt- und Ehrenamtliche kommen allein zurecht. Wer Hilfe braucht oder wem alles zu viel wird, ist noch nicht weit oder stark genug.

Auch vom resilienten Menschen wird oft dasselbe Bild gezeichnet: die oder der Starke, unerschütterlich, autark. Wer etwas nicht schafft, scheint nicht widerstandsfähig genug. Doch Resilienz bedeutet nicht, alles allein zu tragen. Sie will eher zum Gegenteil motivieren.

Was Resilienz wirklich ist

Resilienz wird häufig mit Härte verwechselt, mit der Fähigkeit, immer noch etwas mehr auszuhalten. Psychologe Michael Frenzel, beschreibt sie anders:

„Resilienz ist die Widerstandsfähigkeit eines Menschen, mit stressigen Situationen umzugehen und vor allem, sich danach wieder davon zu erholen.“

Der Nachsatz ist entscheidend und wird gern übersehen. Resilienz ist kein Dauerzustand des Durchhaltens, sondern ein Rhythmus aus Belastung und Erholung. Wer nur belastet und nie regeneriert, ist nicht widerstandsfähig. Er läuft leer.

Dabei ist Resilienz eine Fähigkeit. Sie ist nichts, das die einen mitbekommen haben und die anderen nicht, sondern etwas, das sich lernen und einüben lässt. Stress ist eben kein Schicksal.

Die geistliche Perspektive ergänzt das um eine wichtige Facette. Resilienz lässt sich auch als verwurzelt sein beschreiben, auch dann, wenn es stürmisch wird. Das Bild lenkt die Aufmerksamkeit weg vom Sturm und hin zu den Wurzeln. Denn oft ist nicht der Sturm das eigentliche Problem, sondern dass wir mittendrin den Kontakt zu unseren Kraftquellen verlieren. Gerade kirchliche Mitarbeitende haben davon meist reichlich und verlieren sie ausgerechnet dann aus dem Blick, wenn der Druck steigt.

Warum der Alleingang so riskant ist

Wenn Resilienz mit verwurzelt sein zu tun hat, wird schnell klar, warum die Vorstellung vom Einzelkämpfer nicht aufgeht. Stärke bedeutet vor allem, gut mit sich selbst in Kontakt zu sein. Und hier liegt die typische Falle für Menschen in helfenden Berufen: Du bist hervorragend in Kontakt mit Deinem Gegenüber, mit den Jugendlichen, der Gemeinde, den Ratsuchenden. Dich selbst nimmst Du dabei irgendwann kaum noch wahr.

Wer den eigenen Zustand nicht mehr spürt, merkt auch oft nicht im Vorfeld, wann es zu viel wird. Und wer das nicht merkt, kann sich weder rechtzeitig Ruhe gönnen noch rechtzeitig Hilfe holen. Der Mythos vom starken Einzelnen sorgt so dafür, dass Menschen genau in dem Moment allein bleiben, in dem sie am dringendsten Unterstützung bräuchten.

Das ist keine Kleinigkeit. Kurzfristig ist Stress eine völlig normale, sogar hilfreiche Reaktion. Der Körper macht sich bereit, Leistung zu bringen. Problematisch wird es, wenn die Anforderung nicht mehr zurückgeht und wir dauerhaft im Alarmzustand bleiben. Außerdem können auch körperliche Symptome wie Spannungskopfschmerzen, Migräne oder Schlafprobleme dazu kommen. Chronischer Stress gehört zu den Hauptfaktoren für psychische Erkrankungen.

Grenzen setzten in der Jugendarbeit & Kirche

Warum lässt es sich gerade im kirchlichen Umfeld so schwer Hilfe holen? Ein Teil der Antwort liegt darin, wie Stress überhaupt entsteht. Er entsteht nicht in der Situation selbst, sondern in Deinem Kopf. Keine Situation ist an sich stressig. Stressig wird sie erst durch Deine Bewertung, durch die innere Überzeugung, der Herausforderung nicht gewachsen zu sein.

Diese Bewertungen speisen sich aus tief sitzenden Glaubenssätzen wie zum Beispiel „Sei perfekt“ und „Streng dich an“. Wer glaubt, immer perfekt sein zu müssen, für den ist nie etwas gut genug. Und wer gelernt hat, dass Anstrengung die Voraussetzung für Anerkennung ist, strengt sich immer weiter an, bis zur Überforderung.

In der kirchlichen Prägung werden solche Antreiber oft zusätzlich verstärkt. Dabei gibt es eine wichtige Unterscheidung. Demut hat für mich ganz viel mit eigenen Grenzen zu tun, eigene Grenzen zu kennen und eigene Grenzen auch zu wahren. Und Selbstausbeutung hat für mich eben etwas mit ‚Sterben auf Raten‘ zu tun. Wer sich bis zur Erschöpfung verausgabt, praktiziert also keine Demut. Er überschätzt sich, als hinge das Reich Gottes am eigenen Durchhaltevermögen.

Aus der Bibel lernen

Wer meint, wahre Stärke komme ohne fremde Hilfe aus, findet in der Bibel wenig Rückendeckung. Ein eindrückliches Beispiel ist der Prophet Elia, der erschöpft unter einem Wacholderbusch zusammenbricht. Die göttliche Antwort ist bemerkenswert unspektakulär und alles andere als „Reiß dich zusammen“. Sie lautet sinngemäß: Schlaf, iss etwas, und dann steh wieder auf. Elia rappelt sich nicht aus eigener Kraft auf. Er wird versorgt.

Ähnliches klingt schon im Schöpfungsbericht an, im Ruhen am siebten Tag. Erholung ist keine Schwäche, sondern von Anfang an in die Ordnung des Lebens eingebaut. Ruhe zu brauchen ist also kein Verrat an der Berufung. Und Hilfe anzunehmen, entspricht zutiefst dem biblischen Bild vom Menschen.

Was konkret hilft

Hier ein par Ideen, die sich im Alltag leicht umsetzten lassen:

  • Die wichtigste: den inneren Autopiloten unterbrechen, in dem Du im Dauerbetrieb steckst und Dich selbst kaum noch spürst. Eine kleine, sofort einsetzbare Übung dafür ist die Box-Atmung: vier Sekunden einatmen, vier Sekunden halten, vier Sekunden ausatmen, vier Sekunden halten. Sie beruhigt und bringt Dich über den Atem wieder zu Dir selbst.
  • Genauso hilfreich sind ritualisierte Selbst-Checks, mehrmals am Tag: Bin ich gerade noch in einem guten Bereich? Brauche ich eine Pause? Wie steht es um Schlaf und Ernährung? Es geht nicht um die große Jahresbilanz, sondern um den regelmäßigen ehrlichen Blick nach innen.
  • Drei Schritte, die dabei helfen können: spüren, erkennen, verändern. Erst wieder wahrnehmen, wie es Dir geht. Dann erkennen, was Du brauchst. Und schließlich den Mut haben, tatsächlich etwas zu ändern.

„In Balance bleiben“ – gemeinsam, nicht allein

Genau hier setzt unsere Fortbildung „In Balance bleiben“ an. Sie beginnt mit zwei persönlichen Einzelsitzungen, in denen wir gemeinsam schauen, wo bei Dir konkret der Stress entsteht und was Dir guttut. Darauf folgen elf Online-Sitzungen, in denen Du das Wichtigste über Stress und Resilienz lernst, viele Techniken kennenlernst und sie direkt dort ausprobieren kannst, wo der Stress tatsächlich entsteht: in Deinem Arbeitsalltag.

Das Ganze findet online statt und lässt sich gut in einen vollen Kalender einfügen. Du machst das nicht mit Dir allein aus, sondern in einer Gruppe von Menschen, die ähnliche Wege gehen. Denn resilient zu werden heißt nicht, alles mit sich selbst auszumachen. Sondern verwurzelt zu bleiben, auch wenn es stürmisch wird.

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