Das Studienzentrum Josefstal hat 2025 sein Tagungshaus verloren – und trotzdem 22 % mehr Menschen erreicht. Wie geht das zusammen? Ein Blick auf unsere Zahlen, unsere Strategie und die Geschichten dahinter (Wirkungsbericht 2025)

Ein Abschied, der kein Ende ist

Wenn eine Einrichtung ihr Haus verliert, erwarten die meisten einen Rückgang. Weniger Angebote, weniger Teilnehmende, weniger Sichtbarkeit. Wir im Studienzentrum Josefstal haben 2025 genau das Gegenteil erlebt. Das zeigt der Wirkungsbericht des Studienzentrums.

Ja, das Tagungshaus in Josefstal – jahrzehntelang unser physischer Anker, Lernort und Identitätskern – ist geschlossen. Das war kein leichter Schnitt. Es war ein Abschied, den wir organisatorisch und emotional verarbeiten mussten, als Team und als Gemeinschaft. Und ja, die Zukunft der Immobilie ist bis heute ungeklärt. Das bindet Energie und erzeugt bei vielen den Eindruck, wir seien „irgendwie in der Schwebe”.

Aber diese Schwebe hat eine andere Seite. Eine, die wir im vergangenen Jahr entdeckt haben: Ohne den laufenden Betrieb eines Tagungshauses können wir schneller reagieren, flexibler planen und konsequenter von den Bedürfnissen unserer Zielgruppen her denken. Und genau das haben wir getan.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

2025 haben wir insgesamt 16.487 Menschen mit unseren Angeboten erreicht – 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Nicht trotz des Umbruchs, sondern in gewisser Weise durch ihn.

Die Zuwächse verteilen sich auf alle Bereiche: 77 Fortbildungen mit 843 Teilnehmenden bedeuten ein Plus von 18 Prozent. Unsere 75 Selbstlernkurse auf jugendarbeit.de verzeichnen mit 12.199 Teilnehmenden einen Anstieg von 41 Prozent. Und im Bereich „Helfen in seelischer Not” (HSN) haben wir mit 193 Kursen und 2.300 geschulten Ersthelfer:innen die Teilnehmendenzahl um 53 Prozent gesteigert.

Einzig bei den Tagen der Orientierung mussten wir einen Rückgang hinnehmen: 1.145 Schüler:innen aus 43 Klassen – das sind 16 Prozent weniger als 2024. Der Grund liegt auf der Hand: Ohne eigenes Haus sind wir auf externe Veranstaltungsorte angewiesen, die nicht immer in den Schulkalender passen. Dass das Interesse der Schulen trotzdem ungebrochen ist, zeigt, wie tragfähig das Konzept bleibt.

Was hinter den Zahlen steckt

Zahlen allein sagen wenig. Die entscheidende Frage ist: Was passiert bei den Menschen, die unsere Angebote nutzen?

2025 haben wir unser Evaluationssystem deutlich ausgebaut. Wir messen nicht nur Zufriedenheit, sondern fragen gezielt nach Kompetenzzuwachs und Praxisrelevanz. Die Ergebnisse aus der Befragung von 117 Kursteilnehmenden zeigen: Die wahrgenommene Praxistauglichkeit liegt bei 4,6 von 5 Punkten. Die Teilnehmenden erleben unsere Angebote als unmittelbar anschlussfähig an ihren Arbeitsalltag.

Oder anders gesagt: Was in unseren Kursen passiert, bleibt nicht im Seminarraum. Es verändert die Arbeit mit Jugendlichen, die Gespräche in Gemeinden, den Umgang mit Menschen in seelischen Krisen.

Eine Teilnehmerin der Mental-Coach-Ausbildung beschreibt das so: Durch die ersten Module konnte sie gemeinsam mit ihrer Pflegetochter eine „emotionale Schatzkiste” packen und sie besser bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit unterstützen. Ein Teilnehmer der spirituellen Alpenüberquerung berichtet, wie die Erfahrung ihn ermutigte, Herausforderungen im Alltag mutiger anzugehen. Das sind keine abstrakten Bildungserfolge – das sind veränderte Beziehungen und neue Handlungsfähigkeit.

Digital first – und warum das kein Buzzword ist

Die Schließung des Tagungshauses hat einen Prozess beschleunigt, der ohnehin notwendig war. Wir denken Angebote heute konsequent „digital first” – und entscheiden erst dann, welches Format in Präsenz, online oder hybrid am meisten Sinn ergibt.

jugendarbeit.de ist inzwischen die größte kostenlose evangelische E-Learning-Plattform im deutschsprachigen Raum. Über 10.000 registrierte Nutzer:innen greifen auf 75 Selbstlernkurse zu – von der Juleica bis zur Friedenspädagogik, von mentaler Gesundheit bis zu digitalen Kompetenzen. Die Abschlussquote liegt bei 69 Prozent. Das heißt: Die Kurse machen nicht nur neugierig, sie werden konsequent durchgearbeitet.

Und die Nutzung zeigt, dass wir mit diesem Ansatz weit über Bayern hinaus wirken. Teilnehmende kommen aus ganz Deutschland, die Mehrheit ist unter 27 Jahre alt und ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv. Genau jene Zielgruppe, die Jugendarbeit vor Ort maßgeblich trägt.

Seelische Erste Hilfe wird zur Bewegung

Besonders beeindruckend ist die Entwicklung von HSN – unserem Kursprogramm „Helfen in seelischer Not”. Was 2023 als Pilotprojekt startete, hat sich zu einem deutschlandweiten Programm entwickelt. Über 3.900 Menschen wurden bisher als Ersthelfer:innen für psychische Krisen geschult. 44 ausgebildete Anleitende tragen den Ansatz in ihre Regionen, 68 weitere befinden sich in Ausbildung.

Die wissenschaftliche Begleitung durch die Universität Regensburg bestätigt: Die Kurse wirken nachhaltig – auf Handlungssicherheit, Selbstwirksamkeit und Vernetzung. Und die Rückmeldungen der Teilnehmenden zeigen, dass HSN mehr ist als eine Methode. Es ist eine Haltung: Hinschauen, Sprechen, Netzwerken – drei Schritte, die in vielen Bereichen unseres Lebens wichtiger werden.

Schule braucht mehr als Unterricht

Auch an Schulen zeigt sich, wie sehr junge Menschen Räume brauchen, in denen es nicht um Noten geht, sondern um sie selbst. Unsere Tage der Orientierung verbinden Erlebnispädagogik, Spiritualität und Gruppenprozesse – immer individuell auf die jeweilige Klasse abgestimmt.

Die ersten systematischen Evaluationen unter 270 Schüler:innen zeigen: 78 Prozent haben etwas Neues über sich selbst oder ihre Klasse gelernt. 63 Prozent wurden zum Nachdenken angeregt. 40 Prozent benennen die gestärkte Klassengemeinschaft als Highlight. Das sind bemerkenswerte Werte für ein Format, an dem Jugendliche im Klassenverband teilnehmen – also nicht freiwillig, sondern als Teil ihres Schulalltags.

Ein kleines Team, eine klare Strategie

All das gelingt mit einem kleinen, engagierten Team und begrenzten Ressourcen. 2025 haben wir das Team gezielt verstärkt: Lena Erhard verantwortet jetzt Kommunikation und Marketing, damit die richtigen Menschen unsere Angebote finden. Anna Meyer hat die Tage der Orientierung und schulbezogene Jugendarbeit übernommen. Christiane Kerbeck verstärkt das HSN-Team.

Unsere Strategie ist klar: Wir planen Angebote entlang einer Wirkungskette – von den gesellschaftlichen Herausforderungen über die konkreten Bedarfe unserer Zielgruppen bis zu den Kompetenzen, die wir vermitteln wollen. Evaluation ist für uns kein Pflichtprogramm, sondern Lernwerkzeug: Sie hilft uns, Stärken und blinde Flecken zu erkennen und Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie die meiste Wirkung entfalten.

Was kommt: Zwei Ziele für 2026

Für 2026 setzen wir uns zwei strategische Schwerpunkte.

Erstens wollen wir die gesamte Wirkungskette noch besser verstehen – nicht nur modellieren, sondern mit Daten hinterlegen. Das bedeutet: Evaluation weiter ausbauen, Ergebnisse konsequent auswerten und daraus Konsequenzen für unser Programm ziehen.

Zweitens bauen wir eine Studienzentrum-Community auf. Unsere Wirkung endet nicht mit dem Seminarzertifikat. Wir wollen Menschen dauerhaft miteinander verbinden, die sich mit den Fragen einer jungen Kirche im Wandel auseinandersetzen, Erfahrungen teilen und neue Projekte anstoßen. Das Studienzentrum soll dafür Plattform und Katalysator sein – digital und analog, in Bayern und darüber hinaus.

Den ganzen Bericht lesen

Dieser Blogbeitrag fasst die wichtigsten Entwicklungen zusammen. Wer tiefer einsteigen möchte – mit allen Zahlen, Geschichten, Teilnehmenden-Stimmen und der Arbeit der einzelnen Bereiche – findet den vollständigen Wirkungsbericht 2025/26 hier zum Download:

Wirkungsbericht 2025/26 herunterladen (PDF)

Ich lade alle ein, die diesen Bericht lesen, unseren Lernprozess kritisch-konstruktiv zu begleiten – mit Rückmeldungen, Kooperationen und auch mit der Bereitschaft, die Zukunft des Studienzentrums strukturell zu sichern. Nur so kann unsere Arbeit auch in den kommenden Jahren Wirkung entfalten.


Roger Schmidt ist Pfarrer, MPA und Leiter des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal. Kontakt: roger.schmidt@josefstal.de