Veränderung ist ein zentrales Thema in der Bibel und in der Kirche. Von den Geschichten der Schöpfung über die Erfahrungen des Volkes Israel bis hin zu den Wandlungen im Leben Jesu und der frühen Christenheit: Immer wieder stehen Menschen vor Herausforderungen, die ihr Leben grundlegend verändern.  Die Bibel zeigt, wie Transformation Teil des göttlichen Plans ist und wie Vertrauen, Mut und Glaube helfen, Veränderungen zu bewältigen.

Warum Veränderungsmanagement in der Kirche gerade jetzt wichtig ist

Auch die evangelische Kirche und Jugendarbeit steht seit einigen Jahren vor tiefgreifenden Umbrüchen. Der PUK-Prozess war ein erster landeskirchlicher Marker in Bayern, die Landesstellenplanung führt vielerorts zu schrumpfenden Teams und sinkenden Ressourcen. Viele Jugendgruppen erleben rückläufige Teilnehmendenzahlen, während Erwartungen an Partizipation, Diversität und Verantwortung steigen. Klassische Vereinsstrukturen geraten unter Druck, gleichzeitig entstehen neue Formen der berufsübergreifenden Zusammenarbeit und innovative Angebot.

Auch im Studienzentrum Josefstal sind wir den Weg zu schlankeren Strukturen gegangen, um unkonventionell, kreativ, agil und mit hoher Motivation Veränderung aktiv zu gestalten. Leitend ist für uns die Frage, wie wir in diesen Veränderungsprozessen mit dem, was wir an Ressourcen zur Verfügung haben, die größtmögliche Wirkung bei den jungen Menschen erzielen können. Dabei hat uns geholfen, diese Veränderung systemisch anzugehen.

Veränderung gestalten – klassisch und systemisch

Klassisches Veränderungsmanagement – oft als Change Management bezeichnet – setzt auf klare Ziele, strukturierte Planung und Steuerung von Prozessen. Diese Ansätze bieten Orientierung, indem sie den Wandel in überschaubare Schritte gliedern und Verantwortlichkeiten klar zuweisen. Systemische Ansätze dagegen sehen Organisationen als lebendige, komplexe Systeme: Sie sind ergebnisoffen, ressourcenorientiert und legen den Fokus auf Beziehungen und Dynamiken. Beide Perspektiven können hilfreich sein. Doch in kirchlichen Kontexten, wo Strukturen, Werte und Menschen eng miteinander verflochten sind und häufig von ehrenamtlichem Engagement geprägt sind, ist es entscheidend, Veränderungen nicht nur „von oben“ zu steuern, sondern sie gemeinsam zu gestalten.

Expertinnen-Interview: Dr. Veronika Sweet über systemisches Veränderungsmanagement

Um diesen Ansatz greifbarer zu machen, haben wir mit Dr. Veronika Sweet gesprochen. Mit ihr haben wir eine sehr erfahrene Expertin für systemische Veränderungsprozesse als Referentin gewonnen. Sie lehrt, forscht und berät seit vielen Jahren zu diesem Thema und leitet ab Oktober gemeinsam mit Daniel Huthmacher, Fortbildungsreferent in unserem Team, die Weiterbildung „Veränderungsmanager:in in der Jugendarbeit“ im Studienzentrum Josefstal.


Was unterscheidet eure Weiterbildung im Studienzentrum Josefstal von klassischen Change-Management-Fortbildungen? Was erwartet die Teilnehmenden?

Dr. Veronika Sweet: In unserer Weiterbildung leben wir den systemischen Ansatz – wertschätzend füreinander und offen für Prozesse. Viele Change Management Weiterbildungen sind stark ergebnisorientiert und denken linear: Anfang, Ende, klarer Plan. Aber Veränderung ist komplexer, gerade in der Jugendarbeit. Menschen kommen und gehen, Prozesse überschneiden sich.  Belastungen aller Beteiligten sind manchmal spürbar. Deshalb richten wir den Blick nicht nur auf ein vermeintliches Ergebnis, sondern immer wieder auf den Prozess.

Meine Haltung – und die Haltung in der Gruppe – wird sein „lethologisch begabt“ und lädt das bewusste Nicht-Wissen ein. Das bedeutet: Jede und jeder bringt eigene Erfahrungen mit, die wir sehr schätzen. Ich sehe mich weniger als Expertin, sondern als Choreografin und Begleiterin. Die Teilnehmenden selbst sind die Expertinnen und Experten ihrer eigenen erlebten Realität. Meine Rolle in der Weiterbildung wie auch in der Praxis systemischer Veränderungsbegleitung ist es, Reflexionsräume zu schaffen und Prozesse zu entschleunigen. Die besondere Chance in der Jugendarbeit liegt darin, dass Menschen mit großem Engagement und Gestaltungslust tätig sind. Diese Energie wollen wir aufnehmen und dafür sensibilisieren sie auch während der Veränderungsprozesse zu bewahren.

Viele erleben Veränderungsprozesse zunächst als Belastung. Wie kann es gelingen, aus diesem Gefühl der Überforderung wieder Gestaltungsspielräume und Freude am Wandel zu entwickeln?

Dr. Veronika Sweet:  Wenn es ein Rezept hierfür gäbe – das wäre schön! Das wünschen sich Beteiligte oft. Es ist spannend, den Blick auf das Gelingende zu richten. Hilfreich sind Gelingensfragen wie: Angenommen, es gelingt mir leichter mit der Veränderung umzugehen – woran würde ich es merken? Oder: Angenommen, die Veränderung gelingt meinem Team gut – was wäre dann anders? Solche Fragen laden Leichtigkeit ein.

Und: Veränderung beginnt bei mir selbst. Wer Veränderungen begleitet, muss gut für sich selbst sorgen. Denn Menschen spüren sehr genau, wie belastet diejenigen wirken, die Prozesse anstoßen. Selbstfürsorge ist deshalb keine Nebensache, sondern ein Teil, den wir uns in der Weiterbildung sehr bewusst immer wieder gönnen und Grundvoraussetzung für gelungene Veränderung.

Vielen Dank, Veronika!


Veränderung als Chance

Das Systemische Veränderungsmanagement hilft uns dabei, Transformation als Chance, als Neuanfang zu begreifen, schätzt das bisherige wert und begegnet mit diesem Wissen den aktuellen Herausforderungen. Ein Ansatz, der uns in der Kirche an unsere, jahrtausendalte Tradition der Veränderung und des Neuaufbruchs erinnert – beziehungsorientiert, wertschätzend und mit den vorhandenen Ressourcen. 

Neugierig geworden?

Dann melde dich direkt zur Weiterbildung „Veränderungsmanger:in in der Jugendarbeit“ an: Veränderungsmanager:in in der Jugendarbeit

Autoren

  • Daniel Huthmacher

    Diakon, Supervisor, Organisationsberater und Fortbildungsreferent im Studienzentrum Josefstal

  • Dr. Veronika Sweet

    Lehrende für Systemische Supervision (DGSF) und Lehrende für Systemisches Coaching (DGSF) an Hochschule und in Weiterbildungen, langjährige nichtkonfessionelle Begleitung von Veränderungen in kirchlichen Kontexten.